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Sieg oder Spielabbruch

Die Fans des SVW zeigten sich im Aufstiegsspiel gegen den KFC Uerdingen – den Meister der Regionalliga West – zunächst von ihrer besten Seite, bis sie in aller Deutlichkeit den Ruf ihrer dunklen Vergangenheit bestätigten. Ein Kurvenbericht.

 

Eine ganze Stadt war stolz. Auf ihren Waldhof, auf ihre Buwe. Zum dritten mal in Folge schaffte es der SV Waldhof Mannheim sich in der starken Regionalliga Süd-West durchzusetzen und einen der oberen beiden Plätze, die automatisch für die Aufstiegsspiele zur 3. Liga qualifizieren, zu ergattern.

Bereits Stunden vor dem Anpfiff war eine besondere Stimmung in der Stadt zu spüren, nicht nur aufgrund des Stadtfestes und der hochsommerlichen Temperaturen. Eine ganze Stadt trug heute blau-schwarz und hoffte, nach zwei verlorenen Aufstiegsduellen und fünf Spielen ohne eigene Torbeteiligung (!), auf die Rückkehr ihres traditionsreichen Barackler-Vereins in den Profifußball.

 

Auch nach der 1:0 Hinspielpleite im Stadion des MSV Duisburg waren alle Hoffnungen vorhanden. Auf dem Weg zur Spielstätte war die Stimmung in der gefüllten und überhitzten Bahn trotz erschwerter Anreise und des Hinspielergebnisses zuversichtlich und entspannt. Im Stadion angekommen erhielt jede*r Besucher*in auf dem Weg in die Kurve ein schwarz-blaues Plakat samt Instruktionen für die geplante Choreo. Freundlich empfangen wurden wir von zwei älteren Damen hinter uns, die augenscheinlich nicht zum ersten Mal in der Kurve standen und vermutlich auch die großen Zeiten des Vereins bereits miterlebt haben. Kurz vor Spielbeginn wurden wir dann Teil einer riesigen Choreografie, die alleine schon jeden Klub zur direkten Teilnahme an der Bundesliga qualifizieren sollte.

 

Die Atmosphäre im Carl-Benz-Stadion war atemberaubend, wenn auch zu Beginn bereits aufgeheizt. Die Mannheimer Spieler begannen stark und hielten die geschürten Hoffnungen der knapp 25.000 Besucher*innen am Leben. Als Krempicki in der 29. Minute das 0:1 für die Gäste markierte, wurden diese dann zunächst gedämpft, bevor sie nur drei Minuten später durch den Ausgleichstreffer von Mayer wieder aufflammten. Kurz darauf wurde das Spiel zum ersten mal unterbrochen, da handgreifliche Auseinandersetzungen in der Kurve der Gästefans erst in einem Polizeieinsatz ihr Ende fanden. Auch versuchte Blockstürme durch einzelne Waldhof-Anhänger konnten nur durch Einsatzkräfte verhindert werden.

 

Nachdem Tanju Öztürk noch vor der Hälfte ein – für Regionalligaverhältnisse zugegebenermaßen schönes – Tor zum 1:2 Führungstreffer schoss, ließ sich dieser provokant vor der Otto-Siffling-Tribüne feiern und wurde prompt mit fliegenden Papierkugeln und Plastikbechern begrüßt, was dann auch eine Ermahnung des Schiedsrichters Patrick Ittrich nach sich zog. Der SVW brauchte nun wieder drei Tore, um im Rennen um den Aufstieg die Nase vorn zu haben. Die zweite Hälfte konnte sportlich nicht mit den ersten 45 Minuten mithalten, sorgte dafür anderweitig für Turbulenzen. Unseren persönlichen Negativhöhepunkt markierte die 54. Minute, als Johannes Dörfler – der wohl talentierteste Spieler auf dem Feld und derjenige, der im Hinspiel die komplette Waldhof-Hintermannschaft beim Führungstreffer alt aussehen ließ – das Spielfeld verließ. Von links waren als Reaktion auf seine Hautfarbe Affenlaute zu hören, die niemanden in der Kurve auch nur ansatzweise zu stören schienen. Auch das ist der Waldhof, leider immer noch.

 

Den Rest des Spiels zeigten sich die Mannheimer bemüht, doch blieben ohne die nötige Durchschlagskraft. Als dann in der 82. Minute womöglich auch das letzte Fünkchen Glaube an das Aufstiegswunder erloschen war, versuchten einige vermummte Waldhof-Fans anderweitig ihr Revier zu markieren. Kiloweise Rauchtöpfe, Bengalos und Raketen flogen Richtung Spielfeld und brachten den Torwart der Gäste, René Vollath, sowie einige Ordner in Gefahr. Ein Knall folgte auf den nächsten und vereinzelt wurde der Durchbruch aufs Spielfeld versucht. Kurz vor dem Block brannte es wortwörtlich. Ittrich unterbrach die Partie und verschwand mit den beiden Mannschaften für längere Zeit in der Kabine.

 

Die KFC-Fans feierten und nachdem sich das Geschehen etwas beruhigt hatte, kamen die Waldhof-Spieler wieder auf den Rasen. Nach Beurteilung der Lage durch den Schiedsrichter beorderte dieser auch den KFC Uerdingen wieder aufs Feld, um für uns überraschenderweise erneut anzupfeifen. Sofort flog wieder Rauch und Feuer und Ittrich war gezwungen, die Partie abzubrechen. Die Ausschreitungen wurden permanent mit Pfiffen der restlichen Anwesenden begleitet. Auch nach dem Spiel fand das Geschehen außerhalb des Stadions in Auseinandersetzungen mit Polizist*innen ihre Fortsetzung, sodass am Ende folgende Bilanz alles andere überschattete: 45 verletzte Personen und zehn Festnahmen.

 

Das Sportgericht entschied sich dazu, das Spiel mit 0:2 für den KFC Uerdingen zu werten und somit ist es klar, dass der SVW auch nächstes Jahr in der Regionalliga spielen wird.

An diesem Nachmittag zeigte sich ein Verein von zwei völlig unterschiedlichen Seiten. Wir sahen zunächst einen Klub mit großer Tradition und gleichzeitig extrem hohem Mobilisierungspotenzial, was durch das krasse Engagement der Fans und vor allem der Ultras getragen wird. Andererseits sahen wir auch einen Verein, der leider nach wie vor Probleme in der Kurve hat, die für ein lebendiges Klubleben unüberwindbare Hürden darstellen: Blanker Rassismus und die Gefährdung von Gesundheit haben in keinem Stadion dieser Welt etwas verloren. Die Diskussion über Pyrotechnik in der Arena sollen andere führen und wir fühlten uns zu jedem Zeitpunkt dieses Nachmittags sicher. Aber wie einzelne Personen vor, während und nach dem Spiel zum Teil unbeteiligte Menschen in Gefahr brachten, ist schlichtweg zu verurteilen. Natürlich sprechen wir über Einzelpersonen. Aber solange die Kurve des SVW es nicht schafft, solche Kräfte von der Otto-Siffling-Tribüne fernzuhalten, hat der Waldhof nichts im Profifußball verloren. Auch wenn er ihm einiges zu bieten hätte.

Text und Bild: Benedikt Broda

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