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Sprachnachrichten-Tourette

In Zeiten der Digitalisierung gibt es nicht nur Fortschritte, sondern auch immer wieder Rückschritte.  Akkus, beispielsweise, verhelfen zwar zu Energie für Unterwegs und damit zu Mobilität, müssen andererseits aber auch immer wieder aufgeladen werden, wenn im ICE gerade alle Steckdosen belegt sind.

Einer der größten digitalen Rückschritte unserer Zeit ist aber die Sprachnachrichten-Funktion in Messenger-Apps, wie WhatsApp. Irgendwann Mitte 2013 kam sie mit einem neuen App-Update auf das Smartphone. Wenig später begann die Flut der Audio-Botschaften auf meinem Handy.

Der Ablauf ist immer gleich. Man will nur eben kurz per WhatsApp etwas nachfragen und bekommt statt einer kurzen Textnachricht einen grauen Strich mit Play-Button auf der linken Seite als Antwort zurück. Aus Bequemlichkeit wird Umstand. Anstatt die relevante Information schnell ablesen zu können, muss man jetzt selbst aktiv werden, um die Nachricht erhalten zu können. Entweder man hört den aufgesprochenen Text per Lautsprecher ab und blamiert sich damit unangenehm in der überfüllten Straßenbahn, weil der Lautstärkepegel noch auf der höchsten Stärke eingestellt war. Oder man versucht umständlich, in ruckartiger Schwungbewegung das Handy ans Ohr zu halten, um die Nachricht dort leise abzuhören, in der Gefahr, dass mal wieder der Sensor spinnt und die Nachricht doch wieder laut in der Straßenbahn zu hören ist. Alternativ kann man sich aber auch per Kopfhörer den gegenwärtigen Musikgenuss zerstören, indem man die wohlklingenden und perfekt abgemischten Stimmen eines Charthits gegen die kratzende Mikrofonqualität und die Stimme einer laut atmenden besten Freundin eintauscht, die beim Joggen in ihr Handy hechelt.

Willkommen in der digitalen Steinzeit!

Besonders lästig ist so etwas, wenn man sich gerade unbeschäftigt in einer ruhigen, konzentrierten Umgebung befindet und Zeit dafür hat an seinem Smartphone herumzuspielen: beispielsweise in einer Vorlesung. Eigentlich wollte man nur schnell wissen, wie die zu früh abgebrochene Bar-Tour durch den Jungbusch noch so weiterging. Mit der Sprachnachricht als Antwort kann man aber nicht viel anfangen. Das Risiko, dass der ganze Saal mithören kann ist einfach zu hoch. Es gab schon Vorlesungen, in denen ich irgendwann dem Vortrag folgen musste, weil meine sämtlichen WhatsApp-Konversationen durch gesendete Sprachnachrichten unterbrochen, quasi blockiert wurden – unvorstellbar. Geistige Anwesenheit bei Vorlesungen ist im Grunde das Bernsteinzimmer des Studierens. Jeder strebt danach, aber eigentlich halten es alle nur für einen Mythos.

Ein weiterer Sprachnachrichten-Aufregen ist die Frequenz und Länge, in der sie auftreten. Genauso, wie die eher gemischt bewertete Hobbit-Verfilmung von Peter Jackson kommen Sprachnachrichten meist nicht kompakt in einem, sondern mindestens drei Teilen und mit Überlänge in das Chat-Fenster gesprungen. Das ist oft darauf zurück zu führen, dass die absendende Person mal wieder mit dem Finger vom Aufnahmeknopf gerutscht ist und eine neue Aufnahme hinterherschicken musste, was sie zunächst natürlich ausführlich und entschuldigend erstmal eine Minute lang in der neuen Sprachmitteilung erklärt, bevor drei weitere inhaltslose Rede-Minuten folgen – Volkskrankheit Sprachnachrichten-Tourette. Das Schlimme ist, dass es unmöglich ist die unnötigen Stellen in der Audio-Botschaft zu überspringen. Denn wenn man in einer fünfminütigen Sprachnachricht mit dem Daumen nach vorne spulen möchte, kommt man sich technisch in etwa so vor, wie alte Menschen, die von ihren Enkeln das erste Smartphone geschenkt bekommen haben und von nun an mit der kompletten Handfläche darauf herumscrollen – Willkommen in der digitalen Steinzeit.

Die Jugend von Heute war Früher auch schon mal besser.

Die große Frage, die mich beschäftigt, ist: Warum das alles? Reicht es nicht aus, wenn wir weiterhin umstandsfrei per Text kommunizieren?

Eigentlich gibt keinen passenden Moment für eine Sprachnachricht. Der Grund warum man sie aber trotzdem andauernd zugeschickt bekommt ist, dass umständliches Herumhantieren mit dem Smartphone immer noch eher ertragen wird, als sich einfach mal kurz zu überwinden anzurufen.

Vor vier Jahren hieß es noch mahnend in den Eltern-Ratgeber-Artikeln der Tageszeitungs-Magazine, die Jugend geht nicht mehr aus dem Haus, ist jetzt ausschließlich online, pflegt nur noch virtuelle Freundschaften, chattet anstatt zu reden und real gemeinsam draußen abzuhängen. Jetzt unterhält man sich digital, indem man Sprachnachrichten hin und her schickt und wird dadurch auch nicht wirklich persönlicher.

Warum aber der Trend zum isolierten gesprochenen Wort? Ganz einfach: Sprachnachrichten zu verschicken ist faul, noch fauler als Schreiben. Anstatt ein paar Sekunden dafür zu verschwenden, kurze Texte zu tippen, spricht man verworrene Sätze an eine Person und zwingt sie dazu einem drei Minuten lang zuzuhören. Häufig offenbart sich dabei die relevanteste Information erst ganz am Ende der Abspielzeit. Das erinnert an ein bekanntes Internet-Phänomen: Menschen, die Sprachnachrichten verschicken, sind eigentlich, wie eine-Millionen-Abonnenten-Beauty-YouTuber, die ihren sechs bis zwölfjährigen Fans auch erst am Ende ihres Ankündigungsvideos erzählen, was Sache ist, weil das so mehr Geld von der Video-Plattform gibt. Wäre ich in der Marketing-Abteilung von WhatsApp, würde ich mir überlegen bald auch Werbeblöcke in längere Sprachnachrichten einzubauen. Kann ja nicht schaden, die personenbezogenen Daten hat man ja sowieso schon alle gesammelt.

Senden oder nicht senden

Aber ist das eine gute Entwicklung? In einer Ära, in der Schulkinder nicht mal mehr wissen, dass Faust nicht nur eine Möglichkeit ist, seine eigene Meinung mit Gewalt durchzusetzen, sondern auch ein bedeutendes deutsches Drama; in so einer geistigen Epoche also, in der der Monolog auf der Theaterbühne immer mehr zu einer Alltagsbeschäftigung für untersetzte Paare Anfang Fünfzig, mit einer großen Vorliebe für bunte Seidenschals, wird, monologisieren wir alle selbst wirr in unsere mobilen Endgeräte. „Senden oder nicht senden. Das ist hier die Gerätchen-Frage.“

Irgendwie ein seltsames Phänomen. Gerade in einem Zeitgeschehen, das durch Hektik, schnelllebige Trends und Lifeticker-für-Alles auf Spiegel Online dominiert ist – in einer Periode, in der Zeit noch viel mehr Geld ist, als damals in den 80ern – kommen wir nicht auf den Punkt, sondern reden drum herum.

Aber was bleibt übrig? Was ist die Essenz dieses mündlichen Zutextens? Nicht viel. Leider. Mit den gesammelten Audio-Dateien auf dem internen Speicher meines Smartphones könnte ich inzwischen eine CD-Sammlung füllen, die den Umfang aller Harry Potter Hörbücher bei weitem übersteigen würde. Ich würde sie mir aber nie wieder anhören, weil inzwischen alles egal geworden ist. Warum also nicht mal sinnvolle und durchdachte Inhalte in das Internet senden? Einfach mal überlegen, ob es in dieser Situation wirklich Sinn ergibt den Aufnahme-Button in der Messenger-App festzuhalten, oder ob mal wieder die eigene Faulheit überwiegt.

Und bevor dieser Text zu sehr in eine alles-ist-gut-Julia-Engelmann-Poetryslam-Richtung abdriftet, möchte ich mit den Worten schließen: Der große Thriller-König Edgar Wallace war dafür bekannt, dass er seine Bestseller-Romane an einem Wochenende verfasste, indem er sie in stundenlanger Arbeit in ein Diktiergerät sprach. Leider ist Wallace inzwischen verstorben. Von ihm würde ich mir gerne rund um die Uhr Sprachnachrichten senden lassen. Er wäre wahrscheinlich der Einzige, der wüsste, wie man das richtig macht.

 

 

Text: Matthias Mohler

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