Campusleben

„Studier‘ doch was Gescheites!“

„Du studierst eine Geisteswissenschaft? Das ist doch kein richtiges Studium. Da lernt man doch nichts. Und am Ende kannst du sowieso nichts damit anfangen.“ – Diese Sätze hat bestimmt jede/r schon einmal an den Kopf geworfen bekommen, die/der Germanistik, Anglistik, Philosophie, Geschichte oder eine andere Geisteswissenschaft studiert. Für die meisten Außenstehenden ist ein Studium im Bereich der Geisteswissenschaften etwas, das müde belächelt wird. „Ein Germanist zum Beispiel macht im Laufe seines Studiums ja auch nichts Anderes, als Bücher zu lesen und diese tot zu interpretieren, bis davon nichts mehr übrig ist.“ Am Ende wartet dann die Arbeitslosigkeit oder ein Job, für den man sich das Studium eigentlich gleich sparen könnte. Das Bild des Geisteswissenschaftlers am Taxistand ist weit verbreitet.

Laut der Bundesagentur für Arbeit fällt die Arbeitslosigkeit in der ersten Zeit nach dem Studium für GeisteswissenschaftlerInnen tatsächlich höher aus als in anderen Fachrichtungen. Zudem gibt es in Deutschland kaum Stellenangebote, die sich explizit an GeisteswissenschaftlerInnen richten, so waren es im Jahr 2015 im Monatsdurchschnitt nur 200 Stellen. Im Vergleich dazu: Der Monatsdurchschnitt für gemeldete offene Stellen mit einem Abschluss im Bereich der Wirtschaftswissenschaften liegt bei 10.100 Stellen.

Und tatsächlich ist die Diskussion über die Krise der Geisteswissenschaften momentan wieder so aktuell wie nie: Im Februar veröffentlichte etwa der Spiegel einen Artikel mit dem Titel: „Germanistikstudium: Wer war Goethe? Keine Ahnung, irgendso‘n Toter“. Der Germanistik wird vorgeworfen, sie hätte ihre gesellschaftliche Relevanz verloren, den Germanisten gehe die Puste aus. Inzwischen sei eben alles erforscht, was es in diesem Feld zu erforschen gäbe und „irgendwann [sei] auch der Komplexitätsgrad von Kafka-Deutungen nicht mehr steigerbar“.

Diese Aussagen gepaart mit den vernichtenden Zahlen der Bundesagentur für Arbeit lassen einen als angehende/n GeisteswissenschaftlerIn doch etwas ins Zweifeln geraten. Aber haben die Geisteswissenschaften tatsächlich ihre gesellschaftliche Relevanz verloren? Braucht die Welt keine GeisteswissenschaftlerInnen mehr?

„Ich habe noch keinen Absolventen getroffen, der Taxifahrer geworden ist“

Fest steht, dass sich unsere heutige Berufs- und Arbeitswelt enorm verändert hat. Das findet auch Prof. Dr. Wortmann, Juniorprofessor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Mannheim.

„Heute scheint es wichtig zu sein, dass man ein Studium wählt, das ein festes Berufsfeld zeigt. Beim Medizinstudium wird man Arzt oder wenn man Jura studiert, wird man Anwalt, Richter oder Staatsanwalt. Bei uns in der Geisteswissenschaft ist es so, dass man alles Mögliche wird“. Er erzählt, dass es zu seiner Zeit noch als eine Art der Freiheit verstanden wurde, nicht auf einen konkreten Berufsweg zuzusteuern. Damals sei es noch vollkommen normal gewesen, zehn Jahre lang zu studieren ohne genau zu wissen, wo man am Ende landen wird. Heute hat sich diese Auffassung geändert und man erntet irritierte Reaktionen, wenn man auf die Frage: „Was machst du dann damit?“ keine eindeutige Antwort parat hat.

Auch Prof. Dr. Kittstein, Dozent der Literaturwissenschaften an der Universität Mannheim, meint, dass diese Frage beispielweise bei einem Germanistikstudium schwer zu beantworten ist: „Es gibt nicht DEN Beruf für Germanisten.“ Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass viele Studierende ein geisteswissenschaftliches Studium mit einem Lehramtsstudium verbinden. Damit weiß man von Anfang an, welcher Beruf am Ende des Studiums steht: Lehrkraft. Bei einem reinen geisteswissenschaftlichen Studium steht am Anfang zumindest nichts als ein großes Fragezeichen. Mit einem Schmunzeln im Gesicht meint Kittstein, dass er allerdings auch noch keinen Taxifahrer getroffen habe, der Germanistik studiert, und keinen Absolventen, der Taxifahrer geworden ist.

In der modernen Arbeitswelt zieht es die Studierenden nicht mehr nur in die klassischen Berufsfelder wie Verlage und Redaktionen, sondern in alle möglichen Bereiche. Auch jüngere Arbeitsfelder wie die PR-Arbeit, die Unternehmensberatung oder Social-Media-Abteilungen bieten Arbeitsplätze. Kittstein ist der Auffassung, dass kein Berufsfeld existiert, wo sich keine Geisteswissenschaftler tummeln.

In den Geisteswissenschaften lernt man was fürs Leben

Scheinbar braucht der Arbeitsmarkt also doch den ein oder anderen Geisteswissenschaftler, denn auch die haben ihre Stärken. In einem Studiengang wie der Germanistik kann man nämlich tatsächlich auch etwas fürs Leben lernen, wie uns Herr Wortmann erklärt.

„Neben flexiblem Arbeiten, Eigeninitiative und Frustrationstoleranz lernt man auch, dass Dinge A und B sein können, dass Dinge kompliziert sind.“ In der Germanistik gibt es nicht die eine richtige Antwort, wie es zum Beispiel in der Mathematik der Fall ist. Eine Textstelle kann zahlreiche Interpretationen haben, während eine Gleichung eben genau eine richtige Lösung hat. „Das andere ist, dass man Argumente liefern muss. Man muss sich äußern können. Gerade in Zeiten des Populismus sollte man immer nach Argumenten fragen. Man muss ertragen können, dass man auch selbst gefragt wird: Wo liest du das? Woran machst du das fest?“

Von Überforschung in der Germanistik könne man seiner Meinung nach auch nicht sprechen. Er findet es toll, dass die Studierenden in seinen Seminaren auch zu ganz neuen Erkenntnisse kommen, über die er selbst noch gar nicht nachgedacht hat. Beide Professoren sind sich einig, dass „der Stoff noch lange nicht ausgegangen ist“ und die Germanistik noch eine Vielzahl an Fragen parat hält, die noch nicht beantwortet wurden.

Die Geisteswissenschaften werden dennoch immer mit vielen Vorurteilen konfrontiert und das wird sich vermutlich auch nicht ändern. Ja, ein Haus auf den Malediven wird man sich mit einem Abschluss in diesem Fachbereich wahrscheinlich nicht leisten können. Und ja, es ist nicht so einfach wie in anderen Studiengängen, seinen Platz in der Berufswelt zu finden. Aber eine Gesellschaft braucht kritische Denker, die lernen, zu argumentieren und Dinge zu hinterfragen. Und zwingend arbeitslos wird man damit auch nicht, immerhin lag die Arbeitslosenquote für Geisteswissenschaftler im Jahr 2015 bei unter 3%. Oder, wie es Herr Wortmann ausdrückt: „Ich mache mir keine Sorgen um Sie.“

 

Autorinnen: Lena Laier, Katharina Scholl

Foto: Pixabay

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.