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System Change Not Climate Change!

Drei Tage nach dem Tod eines Journalisten im Hambacher Forst sind wieder hunderte von Menschen trotz des grausigen Wetters aus dem ganzen Bundesgebiet auf dem Weg in den Wald. Sie wollen diesen Zerstörung, Rodung und Kapitalinteresse RWEs schützen.

Ich habe mich einer Gruppe aus Düsseldorf angeschlossen, die bereits mehrere Tage im Hambi verbracht hatte und auch am heutigen Samstagmittag, ausgestattet mit warmer Kleidung, Proviant und Kletterutensilien nach Buir fährt. Am Gleis in Düsseldorf treffen wir auf Malte, der sich uns anschließt, um in den Wald zu kommen. Heute sei sein Platzverweis ausgelaufen, meint er und grinst. Er hätte aus Versehen die Anweisungen der Polizist*innen ignoriert, als er das letzte Mal in den Wald wollte.

Seitdem die Polizei begonnen hat, den Lebensraum der Umweltaktivist*innen im Hambacher Forst zu räumen, werden Platzverweise in Zeit häufiger ausgestellt, sofern die Identität festgestellt werden kann. Ist das nicht der Fall, geht es in die Gefangenen-Sammelstelle nach Aachen, kurz GeSa, wo sich die Demonstrant*innen, die zuvor gemeinsam noch auf der Wiese standen, dann in der Zelle wiedertreffen.
Nach gut einer Stunde Fahrt in der S-Bahn kommen wir in Buir am Bahnhof an. Von dort ist es nur ein kurzer Fußweg über die Landstraße, deren Straßenrand von dutzenden von Autos gesäumt ist.  Die Mahnwache, die mit Trinken, Brot und veganen Aufstrichen ausgestattet ist, markiert den offiziellen Eingang zum Hambacher Forst. Auffällig ist die doch geringe Präsenz der Polizei, die sich nach einer Woche Räumung, einem Todesfall und etlichen Strapazen, wohl eine Pause gönnt, um für den sonntäglichen Waldspaziergang mit 7500 Teilenehmer*innen ausgeruht zu sein.
An der Mahnwache schloss ich mich spontan einer Gruppe an, die auf dem Weg in den Forst waren. Eigentlich hatte ich erwartet, dass es schwieriger wird, hineinzukommen, mit mehr Katz und Maus spielen mit der Polizei, verstecken im Gebüsch und Rennen durch das Unterholz. Am Eingang kontrollierten nicht gerade glücklich aussehende Polizisten*innen meinen Rucksack, meine Personalien fragten sie jedoch nicht ab. Nun war ich im Wald. Nach etwa 300 Meter wartete schon die nächste Polizeikontrolle auf uns und durchsuchte ein zweites Mal unsere Rucksäcke. Konservendosen durften nicht mit rein gebracht werden und wurden einkassiert.
Der Wald wuselte nur so von Menschen, ob Familien mit Kindern, Rentner*innen oder die typische Antifa, die sich mit den Bewohner*innen auch an diesem verregneten Tag solidarisiert. Schon von weitem hörte ich eine Band spielen und ich ging in Richtung der akustischen Quelle. Als ich der Musik näher kam, erblickte ich die ersten Baumhäuser, die die Siedlung „Kleingartenverein“ bildeten (diese wurde am 24. September geräumt). Sieben Baumhäuser auf etwa 15 Meter Höhe durch Traversen vernetzt, ermöglichen es den Bewohner*innen ohne den Boden zu berühren von Baumhaus zu Baumhaus zu gelangen. Selbst ein Klo gab es auf luftiger Höhe. Ein Bewohner erklärte mir, dass in der Gemeinschaft organisierte Anarchie gelebt wird. Entscheidungen werden jeden Morgen im Plenum getroffen und per Absprache in der Gruppe werden Verhaltensregeln wie etwa im Falle der Räumung durch die Polizei festgelegt.
Nach etwa zwanzig Minuten begab ich mich tiefer in den Wald zu den bereits zerstörten Dörfern Gallien und Oaktown, die zu den größten Dörfern im Hambacher Forst gehörten. Insgesamt wurden bereits 28 von 50 Wohnhäusern geräumt. Wo man einst eine dichte Bewaldung vorfand, hat sich nun wegen der gewaltvollen Aktion der Polizei eine Lichtung gebildet. Mir fiel einen Mann in Militärweste, bewaffnet mit einer Kamera,  auf, der offensichtlich die Schäden dokumentierte. Ich kam mit ihm ins Gespräch und er erzählte mir, dass er bereits seit vier Jahren die Besetzung journalistisch begleite. Er ist geschockt, wie sehr sich das Bild der einst voll von Leben und positiver Energie geändert hat. Nur noch ein paar Seile, Transparente und Schlafsäcke auf den Ästen sind als traurige Zeugen eines Lebens abseits der kapitalistischen Gesellschaft übrig.  Einige der  Baumhäuser in Oaktown und Gallien waren dank Solarpanels ausgestattet mit WLAN und Strom, im Winter wurde mit Holzöfen geheizt und gekocht. Die größten der Häuser konnten ohne Probleme bis zu 30 Menschen auf zwei Stockwerken aufnehmen. Die meisten waren mit Fenster und komfortablen Inneneinrichtung ausgestattet. Manch einer hätte wohl einige Hundert Euro pro Nacht gezahlt, um dort schlafen zu dürfen, auch wenn es keine Wasserquelle im Hambacher Forst gibt. RWE hat das Grundwasser wegen dem Kohleabbau 500 Meter unter Normalstand abgepumpt. Dementsprechend rochen auch die Waldbewohner*innen. Nur ab und zu ging es für die Bewohner*innen in die Therme nach Düren. In Oaktown wurde auch ein Tunnelsystem mit Lüftungssystem errichtet, das ohne Problem vier Personen für mehrere Tage aufnehmen konnte.
Wir gingen tiefer in den Wald hinein und kamen vorbei am Jesus Point, eine kleiner Gebetsort in der Mitte des Waldes und erreichten Beechtown. Eine Trauerstätte mit Blumen, Kerzen und Beileidsbekundungen wurde dort errichtet. Menschen spenden sich Trost und trauern um den Journalisten, der letzten Mittwoch, laut Angaben der Aktivisten, während eines Polizeieinsatzes von einer Hängebrücke fiel und verstarb. In Beechtown sind die Häuser auf einer Höhe zwischen 15 und 28 Meter.  Ich selbst spüre eine ermattende Traurigkeit, Zorn und ein große Ohnmacht. Ich frage mich immer wieder, wie es sein kann, dass Politik sich von RWE diktieren lässt, einen in Europa einzigartigen Mischwald mit unzähligen geschützten Arten für den Abbau von Braunkohle abzuholzen. Die Häuser in Beechtown sind auf einer Höhe von 28 – 20 Meter.
Gut einen Kilometer von Beechtown befindet sich der Werkschutz von RWE. Die angeheuerten Security-Firmen wurden mehrmals ausgewechselt, unter anderem weil bei Auseinandersetzungen Aktivisten*innen mit einem Geländewagen angefahren wurden.
In Cozy-Town, direkt neben Beechtown, sind nur noch zwei Baumhäuser übrig. Ich komme ins Gespräch mit Bewohner*innen und diese freuen sich wie veganes Schnitzel über die gewaschene Unterwäsche und Socken, die ich ihnen spontan überlasse, da ich nicht im Wald übernachten werde. Nach einem kurzen Abstecher nach Lorien, das gegründet wurde, da für das Gefühl von manchen in Oaktown zu viel Party gemacht wurde und sich nach Ruhe sehnten, ging es weiter an den äußersten Rand des Waldes, nach T-Town. Dort wird fleißig an neuen Baumhäusern gebaut, um der Polizei das Leben schwer zu machen. Baumhäuser an sich können, wenn das nötige Material vorhanden ist, innerhalb weniger Stunden aufgebaut werden. Gleich neben T-Town, befinden sich auf einer Wiese etliche Lehmhäuser, ein Museum und ein Gewächshaus, die von den ersten Besetzer*innen gebaut wurden.

Mit dem Bild im Kopf der ersten Bauten eines sechsjährigen Kampfes gegen Kohle, Unternehmen, die die Umwelt zerstören und irgendwie gegen alles, was scheiße ist, verlasse ich den Wald und verabschiede mich von meiner Begleitung. Es wird düster, es beginnt ekelhaft zu regnen und zu winden. Das Wetter spiegelt wohl in diesem Moment die Gefühle des Waldes wieder, den es wahrscheinlich in vier Monaten schon nicht mehr geben wird. Und ich steige wieder in die Regionalbahn nach Leverkusen, um dann schließlich nachts um 3 wieder in Mannheim anzukommen, in mein strukturiertes Leben wieder einzutauchen und den Protest weiter im Live-Ticker zu beobachten.

 

Text: Leon Brülke

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