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Todeskampf

Die Frau ist heillos überfordert. Seit Minuten schon reanimiert sie ihren regungslosen Partner und macht nur Pausen zum Beatmen oder wenn der Defibrillator befiehlt, den Patienten nicht zu berühren. Dann rennt sie quer durch den Raum und schafft weitere Instrumente herbei. Zeitweise einhändig reanimierend schafft sie es, dem Sterbenden eine Beatmungsmaske anzulegen, ihm eine Infusion zu legen und ihn zu intubieren. Und doch hilft alles nichts; der erbarmungslose, schmerzhafte Piepton des EKGs zeigt beharrlich keinen Herzschlag. Man möchte ihr zu Hilfe eilen oder ihr zurufen, es doch endlich gut sein zu lassen, so angespannt und unangenehm ist die Situation.
Um das Leben ihres Geliebten kämpft am Donnerstagabend im zeitraumexit Geumhyung Jeong, eine südkoreanische Performance-Künstlerin. Ihr Performance-Partner wäre fast nicht pünktlich durch den Zoll gekommen: Er ist nämlich eine Reanimations-Übungspuppe, die zu Beginn der Performance auf einer Matratze liegend hörbar ruhig vor sich hin atmet. Schon dieses kleine Detail verleiht dem Dummy eine ungeahnte Lebendigkeit, noch bevor Jeong sich nackt zu ihm ins Bett kuschelt und recht intim mit ihm wird, bevor das Schicksal seinen absehbaren Lauf nimmt.
Die Arbeit mit lebensgroßen menschlichen Puppen und die Fokussierung auf den menschlichen Körper ist typisch für die Arbeit der 38-jährigen Koreanerin, deren “CPR Practice” betitelte Performance den Auftakt der Veranstaltungsreihe “Endlich – Über das Sterben in der Gegenwart” bildet. Das Gemeinschaftsprojekt von zeitraumexit und EinTanzHaus möchte zur Auseinandersetzung mit dem Sterben anregen, das heutzutage einen niedrigen Stellenwert im öffentlichen Bewusstsein hat.
Zu diesem Zweck wird jeder Abend mit einem Ritual eröffnet. So erhielt man am Donnerstag eine Karte mit dem Auftrag, seinen eigenen Namen dort aufzuschreiben und sie in einer Feuerschale zu verbrennen. Innerhalb weniger Augenblicke wird man von den Flammen verschlungen. Ganz in weiß livriertes Personal reicht Holunderlikör, der in einem gottesdienstähnlichen Ambiente gemeinsam feierlich getrunken wird. Auf den eigenen Tod anstoßen: Eindrücklicher kann man eine Veranstaltung über das Sterben nicht einleiten.
Die anschließende Performance ist im starken Konrast zur gravitätischen Eröffnung geradezu gewalttätig direkt. Beim Liebesspiel mit einer Puppe zuzusehen ist gewöhnungsbedürftig. Sie ist trotz allem eben nur ein Gegenstand; eine Verbindung will sich nicht so recht einstellen. Für die Rolle des Sterbenden ist der Dummy dann allerdings “wie” gemacht: Eine emotionslose Stimme kritisiert nicht angemessene Brustkorbkompressionen, der Defibrillator befiehlt mit der Versorgung fortzufahren und über alldem liegen mehrere unangenehm laute Pieptöne diverser Gerätschaften. Stellvertretend für die Ersthelferin schreit der Krach die Verzweiflung heraus. Und unter dem Lärmteppich stirbt still und leise ein Mensch. Der wird erst wieder sichtbar als, nachdem es endlich vorbei ist, Stille einkehrt und unter den Elektroden und Atemmasken wieder der Körper zum Vorschein kommt. Das war nicht “Practice”, das ist bittere Realität.
So mitreißend die Performance ist, thematischer Tiefgang kommt dabei nicht zum Vorschein. Inwieweit die weitreichenden Möglichkeiten moderner Medizin ausgeschöpft werden sollten, wie man selbst eines Tages sterben möchte, das Leid der Angehörigen: all das sind naheliegende Fragestellungen zum Sterben. Und trotzdem will sich auf dem Heimweg keine kathartische Befriedigung einstellen. Denn mit dem Verlassen des Performance-Raumes ist zwar die Performance vorbei, das Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit jedoch, das bleibt.

Text: Felix Dunker

Fotos: Zeitraumexit

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