Kultur

„Tonight, lights out“

Jede*r Besucher*in erhält den Schalter für eine Glühbirne. Die Zuschauer*innen steuern kollektiv und individuell das Licht im Raum. Wie entsteht ein Konsens, der es möglich macht, aus der Summe einfacher Handlungen etwas Gemeinsames entstehen zu lassen? An / Aus. Einfach, oder? Und damit beginnt die Geschichte.“ Die Beschreibung der Aufführung „Tonight, lights out“ im Rahmen des Wunder der Prärie Festivals ist ebenso einfach, wie auch ambivalent. Wahrscheinlich hatten die wenigsten Zuschauer am Samstagabend eine klare Idee was auf sie zukommen würde, aber auch nach über zwei Stunden Performance im Kubus des zeitraumexit blieben viele Fragen offen.

Regisseur David Weber-Krebs eröffnet den Abend mit einer Geschichte über einen ägyptischen Jungen namens Ismael. Ismael lebt in Kairo und ist hin und her gerissen zwischen der Ausübung des Christentums und des Islams. Eine Lösung für seinen Konflikt findet er, indem er sich nachts in einem dunklen Raum mit seinen Fragen zur Religion auseinander setzt. Eine Metapher die als Überleitung zur Realität dient, in der die Bild-Zeitung 2007 in Kooperation mit WWF, Greenpeace und Pro7 ganz Deutschland dazu aufrief für 5 Minuten alle Lichter auszuschalten. Diese Aktion sollte nun als Vorbild für den kleinen Rahmen dienen.

Keine Zielvorgabe, keine weitere Erläuterung über das Warum, die eigentliche Vorstellung beginnt. Doch erst müssen alle Anwesenden herausfinden welche der vielen Glühbirnen sie mit dem Schalter an ihrem Platz bedienen können. Die Aufgabe erweist sich als schwieriger als erwartet, schließlich blinken jetzt 70 Glühbirnen über der Bühne. Es wird nicht das einzige Mal bleiben, dass sich die eigentlich überschaubare Publikumsgröße als Problem erweist.

Als jeder seine Glühbirne entdeckt hat wendet sich der Regisseur ein letztes Mal an die Besucher, doch viel mehr als, dass wir „vielleicht gemeinsam Dunkelheit erleben würden“ wird dabei wieder nicht deutlich. Jeder hält nun seinen Schalter in der Hand und die ersten Lichter gehen aus. Es wird merklich dunkler als nach kurzer Zeit nur noch ein harter Kern aus sechs Glühbirnen leuchtet. Doch genau diese bleiben hartnäckig, vielleicht haben manche Leute doch etwas Angst vor totaler Dunkelheit oder sie wollen nur die Letzten sein, die das Licht ausmachen. Das schweigende Duell dauert lange an, bis es dann irgendwann gänzlich Dunkel ist. Durch die fortgeschrittene Uhrzeit und keine weiteren Lichter im Raum lässt sich buchstäblich die eigene Hand vor Augen nicht erkennen. Einige Pärchen tuscheln, andere erwidern mit deutlichem „Pscht“, die Atmosphäre ist dennoch sehr intensiv. Das Zeitgefühl geht in der Dunkelheit verloren.

Dann leuchtet das erste Licht wieder auf. Einige folgen dem Beispiel, der harte Kern ist wieder da. Der Großteil des Publikums gibt sich jedoch genervt und würde lieber zurück zu absoluter Dunkelheit. Als diese nach zehn Minuten noch nicht wieder eingetreten ist, geben die ersten auf und verlassen den Raum.

Der Großteil verharrt jedoch und drückt regelmäßig auf den eigenen Schalter, als ob davon auch andere Glühbirnen ausgehen könnten. Nach einiger Zeit kommt es zu der ersten deutlicheren Diskussion im Publikum, es herrscht der Konsens, dass Dunkelheit doch das eigentliche Ziel sei. Es leuchten trotzdem einige Lampen hartnäckig weiter. Wie sich herausstellt haben drei Besucher ihr Licht angelassen als sie den Raum verlassen haben. Mit ihren Schaltern wird erneut Dunkelheit hergestellt. Diese einfache Handlung bedingt den ersten Szenenapplaus. Die Spannung der ersten Dunkelheit scheint jedoch verloren gegangen zu sein, das Licht leuchtet schnell wieder auf und weitere Personen verlassen den Raum.

Es wird noch schwieriger an diesem Punkt die richtigen Schalter zu finden. Die Initiative einiger Anwesenden führt jedoch zu einer letzten Phase ohne eine leuchtende Glühbirne, die Einige auf dem Boden liegend genießen. Das erste Licht setzt den Schlusspunkt. Die letzten im Publikum schalten ihres wieder an und verlassen dann den Raum in Richtung der Abschlussparty, die vor der Tür bereits in vollem Gange ist. Die meisten Gesichter schauen ratloser als vor der Performance und niemand scheint sich ganz sicher darüber, was diesen Abend passiert ist und warum. Stattdessen lässt die Inszenierung Weber-Krebs nur eine Erkenntnis sicher zu: Der Abend war einzigartig und jeder hat daran mitgewirkt, auf welche Art und Weise auch immer.

 

Autor: Felix Kuhlenkamp

Fotos: mit freundlicher Genehmigung von zeitraumexit

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