Kultur Musik

Trettmann in der Alten Feuerwache

Konzertreview

Trettmann ist ein Mann der Innovation. Mit seinem neuen Album #DIY und den drei  vorangegangenen Kitschkrieg Eps hat er die Soundästhetik in Rapdeutschland durch seinen Mix aus Minimal Beats, Trap und Autotune-geschwängerter, rauer Stimme auf den Kopf gestellt. Spätestens seitdem die Juice die Höchstbewertung von 6 Kronen für #DIY vergab, weiß hierzulande jeder, dass Trettmann nicht nur angekommen, sondern vorausgegangen ist was deutschsprachigen Hip Hop angeht. Damit steht das neue Album des gebürtigen Karl-Marx-Städters in einer Reihe mit legendären Werken wie Good Kid, M.A.A.D City und To Pimp a Butterfly von Kendrick Lamar oder The Love Movement von A Tribe Called Quest. 10 Autotune-Hymnen auf das Leben, die Liebe und gegen den Materialismus machen #DIY für viele zu dem Album des Jahres.

Dementsprechend lang war die Schlange vor dem Eingang der Alten Feuerwache in Mannheim. Nicht zuletzt, weil Trettmann und sein Team im Stau steckten. Die Stimmung war trotzdem entspannt und in den Gesichtern der Wartenden erkannte man neben Vorfreude auch ein wenig Erstaunen darüber, wie viele Leute tatsächlich vor Ort waren. Dabei konnte man auch gut beobachten, wie sich Trettmanns Fanszene in den letzten Jahren entwickelt hat: Vom 16-jährigen Sneaker-Head und 187-Fanboy bis zum 40-jährigen Anzugträger war so gut wie jede Untergruppe der deutschen Rapkultur vertreten. Eine Anhängerschaft, die Trettmann aber sicherlich besonders wichtig ist, bildeten die Dancehall- und  Reggae-Jünger, die seine langjährigste Fanbase sind. Der Künstler hat seine musikalischen Ursprünge nämlich nicht im Autotune-Trap, sondern begann sein Schaffen bei einem Jamaika-Aufenthalt nach dem Fall der Mauer. Zunächst als DJ und später als sächsisches Pendant seiner Brüder von der Karibikinsel machte sich damals noch Ronny Trettmann einen Namen in der deutschsprachigen Dancehall-Szene. Erst durch Kollaborationen mit Megaloh aus Moabit und den Kreuzberger Beat-Produzenten KitschKrieg erspielte er sich die Aufmerksamkeit der deutschen Hip-Hop-Medien. Sein Alter von 44 Jahren hindert ihn nicht daran, aktuell einer der größten und gefragtesten Innovatoren der deutschsprachigen Musiklandschaft zu sein.

Den Anfang in der prall gefüllten Feuerwache machte Joey Bargeld. Als gefühlt letzter Punk unserer Generation vereint er die Antihaltung und musikalische Anarchie der 90er mit aktueller Soundästhetik aus Atlanta und brachte damit die Masse zum kochen. Anfangs merklich nervös, machte er die Location zu seiner Party und übergab schließlich an den Hauptact des Abends. Dieser begann seine Show mit dem Intro von #DIY, ein Song, der das Konzept des Albums offenlegt und Einblicke in die Gefühlswelt Trettmanns gibt. „Atme, Junge, du musst weiter atmen, Junge!“. Keine Zeile beschreibt besser, wie er sich vermutlich gefühlt haben muss, bevor sein Name nach den drei KitschKrieg-EPs wieder „in aller Munde war“. Gleich als zweiten Song legte Trettmann Knöcheltief feat. Gzuz nach. Dass der Featuregast nicht anwesend war, störte keinen, denn nahezu jeder in der Feuerwache rappte den Part des 187-Mitgliedes auswendig mit. Nach einigen ruhigeren Songs wie Billie Holliday oder New York vom aktuellen Album, bei dem auch mal der Barhocker inklusive Mikroständer herhalten musste, heizte er schließlich mit Songs der Herb & Mango-EP featuring Megaloh ein. Spätestens ab Nur noch einen und dem erneuten Auftritt von Joey Bargeld gab es kein Halten mehr und ein Moshpit folgte dem nächsten. Ab jetzt gab es für die durchnässten, sich nach vorne drückenden Gestalten in bunten Trainingsjacken nur noch kurze Verschnaufpausen zwischen den Songs. Skyline, 120 Jahre feat. Haiyti und weitere Meilensteine in Trettmanns Karriere ließen das Publikum erschöpft aber glücklich zurück.Vor einigen Jahren hätte sicherlich niemand Trettmann dort erwartet, wo er heute steht. Jegliche Widersprüche zwischen ihm und dem Rest Rap-Deutschlands scheinen sich in den letzten drei Jahren in Luft aufgelöst zu haben. Wie unterschiedlich die Welt seiner Jugend im Vergleich zu der seiner Zuhörerschaft in der Feuerwache ist, wird vor allem in „Grauer Beton“ deutlich. Mit eindrucksvollen Bildern beschreibt er hier seine Jugend in der DDR. Einem Land, in dem er sich irrsinnig über LKWs voll bulgarischer Melonen und weiße Sneaker freute und die andere Sprache der neuen bunten Scheine nach dem Mauerfall erst lernen musste. Man könnte meinen, wer so aufgewachsen ist, kann kaum zu einer Meute 90er-Kids aus Westdeutschland sprechen. Und doch war dieser Mittwochabend packend wie kaum ein anderer in der Alten Feuerwache.

Veranstaltungstipps: Wenn euch Trettmann in der Alten Feuerwache gefallen hat, oder ihr Lust auf ähnliches bekommen habt, dann können wir euch Radio Love Love am 16.12. und Mono & Nikitaman am 28.12. wärmstens empfehlen

Text: Carlos Hanke Barajas und Benedikt Broda

Fotos:

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