Kultur Musik

Über Mulatu Astatke und Weltmusik

Weltmusik. Dieses merkwürdige Etikett geistert immer noch im Kontext von Mulatu Astatke herum, auch bei seinem Konzert in der Alten Feuerwache am 20. April. Doch was soll das überhaupt sein, Weltmusik? Musik, die auf dieser Welt produziert und gehört wird? Mir fällt spontan keine Musik ein, auf die das nicht zutrifft. Eine Musikrichtung, die aus verschiedenen musikalischen Stilen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen zusammengesetzt ist? Auch hier fällt mir keine Musikrichtung ein, auf die das nicht zutrifft. Wie wäre es also mit einer musikalischen Mischform aus westlichen Klangelementen und solcher aus der sogenannten Dritten Welt? Ich glaube, dass auch Musik ohne jeglichen westlichen Einfluss öfters als Weltmusik bezeichnet wird. Was somit als Definition übrig bleibt, ist eigentlich nur eine Andersartigkeit. Weltmusik ist alles, was nicht in herkömmliche okzidentale musikalische Kategorien gepackt werden kann.

Wir Menschen aus Europa und Nordamerika mit unserer Vielzahl von Genres und die Anderen, die immerhin eins bekommen. Wie großzügig. Wenige Begriffe zementieren die westliche kulturelle Hegemonität so sehr wie der der Weltmusik. Nicht-westliche Musik auf ihre kulturelle Andersartigkeit zu reduzieren und dann gesammelt in ein Etikett zu packen und dabei nicht mal die riesigen Unterschiede innerhalb dieses Etikett zu beachten, vollzieht eine künstlerische Trennung in „Wir” und „Sie”. Diese Trennung führt all zu oft auch noch zu einer Exotisierung. Das kulturell Eigene wird als Norm betrachtet und das „Fremde” herablassend auf die Andersartigkeit reduziert. Dies drückt ein Überlegenheitsgefühl aus. Deshalb halte ich persönlich diese Bezeichnung „Weltmusik“ für extrem schwierig und veraltet. Aber bevor ich mich jetzt noch länger über Exotisierung, Objektisierung und irgendwann dann die Suche nach dem Authentischen aufrege, komme ich doch lieber wieder zu Mulatu Astatke zurück und lasse alle Etiketten erst mal links liegen. Denn das merkwürdige Etikett sagt ja noch nichts über Astatkes Musik selbst aus.

Mulatu Astatke ist ein in den 1940-ern geborener äthiopischer Musiker. Nach der Schulzeit in Äthiopien studierte er Musik in London und anschließend Jazz in Boston und New York. Zurück in Äthiopien kombinierte er nun das über Jazz gelernte mit äthiopischer Musik. So verband er die in seiner Heimat vorherrschenden 5-Ton Skalen mit der westlichen 12-Ton Skala. So entstand Ethio-Jazz, das in den späten 60ern und 70ern seine goldene Ära mit einem sehr kreativen Output hatte. Die ohnehin schon diversen äthiopischen Skalen, Gesangsstilistiken und Rhythmen wurden mit einigen Elementen von Jazz, aber auch Soul und Funk und ab und zu sogar ein bisschen Rock erweitert und zu Ethio-Jazz kombiniert. Hierbei wurden die nordamerikanischen Genres aber keinesfalls nur imitiert, sondern nur einzelne bereichernde Stilelemente übernommen. Und als dieses musikalische Potential auf das Addis Abeba der 60-Jahre traf, einer Stadt, in der sozialer Wandel und kulturelle Öffnung im vollen Gang waren, entstand ein unkonventionelles Genre voller kreativer Energie.

Diese kam auch beim Konzert von Mulatu Astatke in der alten Feuerwache rüber. Trotz seines nun doch schon eher fortgeschrittenen Alter von 74 Jahren strahlte der Vater des Ethio-Jazz eine unglaubliche Energie aus. Er selbst spielte Vibraphon und Percussions, außerdem begleiteten ihn noch andere Musizierende mit Saxophon, Trompete, Kontrabass, Cello, Keyboard, Schlagzeug und Percussions. Doch von allen bot Mulatu Astatke die beeindruckendste Figur ab. Mit Glatze und weißen Bart, dem ganzen Körper im Takt wiegend, meist geschlossenen Augen und der Musik folgenden Lippenbewegungen strahlte er eine unglaubliche Ruhe und gleichzeitig Dynamik aus. Dieser Spaß an der Musik übertrug sich auch auf die ganze Band. Die Stimmung zwischen den Musizierenden auf der Bühne war ausgesprochen locker und ausgelassen, was sich auch auf das Publikum übertragen hat. Gleichzeitig waren alle auf der Bühne durchgehend sehr präsent und haben immer wieder kurze und eindrucksvolle Solis improvisiert. Was also bleibt, sind keine kulturphilosophischen Überlegungen, sondern ein Abend voller kreativer und mitreissender Energie.

Text: Georg Pflomm

Bild: https://www.studiopm.ca/2015/wp-content/uploads/2015/05/Mulatu-Astatke-Studio-PM.jpg

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