Film Kultur

“Und morgen die ganze Welt”

Im Film „Und morgen die ganze Welt“ von Julia von Heinz, der Name wurde aus einem nationalsozialistischen Propagandalied entnommen, geht es um eine Gruppe Anfang zwanzigjähriger, die in einem besetzten Haus im Jungbusch (Ja, der Film spielt in Mannheim) zusammen leben und Aktionen beziehungsweise Proteste gegen Rechts planen und durchführen. Der Film trennt sehr früh zwischen denen, die friedlich protestieren wollen und denen, die zu deutlich mehr bereit sind. Die radikale Seite der Bewegung. Es dreht sich immer wieder um diesen Konflikt. Was darf ich tun, um gegen Nazis vorzugehen? Darf ich nur gegen sie protestieren? Darf ich ihre Autos kaputtmachen? Darf ich ihnen auf die Fresse hauen? Darf ich sie töten?

Hierbei muss man über den Fokus es Films nachdenken. Denn der Film dreht sich zwar um die Mitglieder der antifaschistischen Gruppe, aber um einen ganz bestimmten Teil dieser. Die Radikalen stehen im Fokus, die Friedlichen bewegen sich im Hintergrund. Sind die Radikalen nur Abtrünnige, ein Spezialfall oder die Norm? Gibt es immer die einen als auch die anderen? Ich glaube, der Film will weder noch aussagen. Er beschreibt eher die Möglichkeit der Radikalisierung in einer sonst friedlichen Organisation. Die Friedlichen sind die Norm, die Radikalen die Außenseiter. 

Generell ist der Film ganz unterhaltsam. Schöne Szenen und Bilder, mit Lenor und Alfa zwei komplex geschriebene Charaktere und einen Plot mit guten Höhepunkten. Lenor und Alfa sind zwei junge Männer der Antifa Kommune und stehen im Gegensatz zueinander. Beide sind zu radikaleren Maßnahmen bereit, aber Lenor ist deutlich vorsichtiger als Alfa. Ihre Gegensätze machen sie interessant und geben dem Film Tiefe. 

Weniger verständlich finde ich die weiblichen Hauptfiguren. Sie sind sehr gut gespielt, besonders die Hauptfigur Luisa gespielt von Mala Emde, aber ihre Figuren haben Probleme. Batte, die beste Freundin von Luisa, wird als scheinbar wichtige Figur in den Film eingeführt, aber sie verschwindet fast gänzlich von der Leinwand nach der ersten halben Stunde. Ihre Aufgabe ist es, die friedliche Seite der Organisation zu repräsentieren und den Gewissenskonflikt Luisas, aber sie kommt fast nicht vor. Lenor, Alfa und Luisa stehen im Mittelpunkt. Meiner Meinung nach wurde hier nicht das volle Potenzial ausgeschöpft.

Doch kommen wir zu Luisa. Sie ist neu in der Kommune, doch sie ist sehr schnell bei den radikaleren Aktionen dabei. Verstehen tut man sie allerdings nicht. Man weiß nicht, wie sie am Anfang tickt. Man kennt ihren Drang zur Radikalität nicht. Es könnte sein, dass sie durch Alfa, welchen sie verehrt, in die radikalere Szene gezogen wird oder das sie von Anfang so denkt. Ihre Beweggründe werden nicht genau erläutert. Generell bei keinem Charakter. Die Gründe für die Teilhabe an der antifaschistischen Gruppe werden nicht erklärt. Es wird angedeutet, dass Selbstverwirklichung und der Drang nach Anerkennung eine Rolle spielen. Die Charaktere haben demnach nicht nur politische Gründe.

Der Plot plätschert vor sich hin, auch wenn man im Nachhinein betrachtet einen Spannungsbogen erkennen kann. Die Maßnahmen der Studenten werden immer drastischer und radikaler, um gegen die Nazis vorzugehen. Die Dialoge wirken manchmal zu forciert und sind eher dazu da, einen Punkt zu machen, als den Figuren gerecht zu werden. Und die doch sehr schwierige Beziehung zwischen antifaschistischen Gruppierungen und der Polizei kommt zu kurz und zu gezwungen am Ende. 

Der Film ist ein muss für jeden Mannheimer. Man erkennt fast jeden Ort im Film wieder, wobei die Geografie nicht immer Sinn ergibt. Zum Beispiel springen die Schauspieler vom Neckar in den Jungbusch und von dort ins Peer23. Das Peer23 ist nicht der Club selbst, sondern wird als das besetzte Gebäude der politisch engagierten Gruppe benutzt, welche im Mittelpunkt des Films steht. Es ist trotzdem ein Genuss seine Stadt auf der großen Leinwand erleben zu dürfen. Der Film wurde sogar ausgewählt als deutscher Kandidat für den Oscar, was man als Zuschauer aber vielleicht nicht ganz nachvollziehen kann. Kritisch sollte man bei der Repräsentation antifaschistischer Gruppierungen sein. Der friedliche Teil kommt zu kurz, ist aber vermutlich die bessere Repräsentation der Realität. Aber wahrscheinlich ist der Fokus auf den radikalen Teil mehr dazu da einer Frage nachzugehen: Was darf man gegen Nazis eigentlich tun? Und wie werden friedliche Protestierende zu Radikalen?

Text: Lars Walsleben

Foto: https://undmorgendieganzewelt-film.de/#page3

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