Kultur Theater

Verweile doch, du bist so schön…exessiv?

Wolfgang von Goethes Meisterwerk fand seinen Weg durch die Inszenierung Jan Friedrichs auf die Bühne. Im Schnawwl, dem Jugendhaus des Mannheimer Nationaltheaters, stellte sich Uwe Topmann in der Rolle des Faust den drei Mephisti, gespielt von Sebastian Brunner, Simone Oswald und Cédric Pintarelli, gegenüber.

In einem wahren Schlagabtausch reihten sich die Szenen aneinander. Die Schauspieler fegten über die Bühne, ohne das es an Ausdruck und Exzentrik fehlte. Es war als jagte das Stück durch die Schlüsselszenen hindurch – in einem von wilden Effekten gesäumten Ritt, der keine Ruhe zuließ. Die Bühne war umrahmt von Schienen, auf denen ein Wagen fuhr, der zugleich Faust Heim als auch Gretchens Zimmer beherbergte. Ganz nach Bedarf diente der Wagen als Leinwand oder Bühne und stellte die runde Spielebene in seiner Mitte immer anders zusammen. Das Stück fügte sich gut in das Bühnenbild. So auch die Installation der live mitgeführten Videokamera. Sie erfrischte und zeigte neue Perspektiven auf – machte das Stück vielseitig und lebendig. Geführt von verschiedenen Akteuren erzeugte sie das unmittelbare Gefühl noch näher an den Schauspielern zu sein und den Raum, in dem sie spielten, weiter und differenzierter wahrnehmen zu können.

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Helene Schmidt als Gretchen verkörpert die dramatische Rolle im Kostüm einer Puppe. In einer Maske aus Plastik und sehr langen Wimpern ließ sie sich von ihrem Heinrich verführen und stürzte sich so in ihr Unglück. Die Entwicklung ihres psychischen Zustandes wurde erst zum Schluss des Stücks deutlich und kündigte sich kaum an – ja kam beinahe überrollend. Faust zerrissen zwischen den drei Teufeln entwickelt sich zu einem pöbelnden Trunkenbold – schien verheddert in Sex, Alkohol und der Qual seiner Rolle. Exzessiv war das Stück, exzessiv die Gestaltung, exzessiv seine Schauspieler. Zielte diese Inszenierung vor allem auf den Schock? Den Schock des Grotesken, des Fremdschams und des Entsetzten, als Gretchen das Frischgeborene in der Toilette anstatt in einem Bach ertränkte? Der Exzess, das Wilde und bewusste Einsetzten von verschreckender Musik, Geschrei, und hektischen Herumspringen nahmen dem Zuschauer leider die Aufmerksamkeit auf das Stück. Manche Szenen, wie z.B. jene zu Beginn, als zwei merkwürdig tanzende Gestalten mit riesigen Köpfen auf die Bühne traten, überschritten manche Grenzen des Grotesken. Es war makaber und passte zwar zur Inszenierung nicht aber zum Werk von Goethe selbst. Es war als wären die eigentlichen Geschehnisse des Stücks sekundär. Man mag begrüßen, dass man ganz eintaucht in das Leben auf der Bühne, weil es so einnehmen ist. Wem Faust jedoch vertraut ist, dem könnte das alles etwas zu viel gewesen sein. Die drei Teufel im Transvestitenkostüm, ein Faust im glitzernden Anzug und dann die eigentlichen Tragödie – eine Reizüberflutung. Das Überschlagen der Effekte nahm dem Stück Teile seine Ernsthaftigkeit, auch wenn die darstellerischen Leistungen, insbesondere von Uwe Topmann, einen immer wieder zurück in ihren Bann zogen.

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Man hielt den Atem an bis Gretchen ihr Kind ermordete. So gehetzt war die Stimmung. Aber dann, in den letzten zwanzig Minuten des Schauspiels, schienen alle merklich auszuatmen. Das Stück verlor an Fahrt, gab sich Zeit und den Raum, den es benötigte. Das Ende schien wie ein Stopp aus wildem Galopp und kam beinahe überraschend. Danach musste man sich ausruhen.

Das Stück ist für jene einen Besuch wert, die ihren Geist aus der Bahn werfen wollen. Aber man sei vor dieser Inszenierung gewarnt: Sie ist zu rasend, vielleicht auch ein Bruch mit Goethes Tragödie selbst. Denn wer ein so mächtiges Werk wie „Faust“ seine Zeit nimmt und ihm dafür Effekte und vielleicht auch zu viel der Vulgarität der Moderne gibt, der wird ihm nicht gerecht. Der läuft Gefahr, dass wichtige Botschaften aber auch wichtige Essenzen verloren gehen. Diese Gefahr scheint Jan Friedrich unterschätzt zu haben.

Text: Rixa Rieß, Fotos: (c) Hans Jörg Michel (NTM)

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