Allgemein

Viele Wege führen zu vielen Zielen

Wenn man mit 40 Jahren mal einen Moment Ruhe hat, um sich hin zu setzen und über sein Leben zu sinnieren, dann ist man meist schlauer und erkennt, ob man nun die richtigen Entscheidungen im Leben getroffen hat oder was man doch alles hätte anders machen können. Ob es richtig war, das BWL-Studium abzubrechen und drei Jahre zur Selbstfindung um die Welt zu reisen. Ob es richtig war, erst mit 35 Jahren Kinder zu bekommen, um schon einen sicheren Arbeitsplatz zu haben und ein gutes Gehalt zu beziehen. Ob es richtig war, sein komplettes Privatleben zu opfern, um voll und ganz im Beruf aufzugehen. Mit Anfang 20 weiß man hingegen noch nicht, was die vermeintlich richtigen Entscheidungen für einen selbst sein könnten. Man geht ein Risiko ein und versucht zu erahnen, was das 40-jährige Zukunfts-Ich einmal als gelungen bezeichnen wird. Das ist nicht einfach und erfordert eine gehörige Portion an Selbstreflexion. Oder Glück. Wer weiß das schon?

 

Problematisch ist dabei, dass meistens noch sehr viele andere der Meinung sind zu wissen, was für das 40-jährige Zukunfts-Ich das Beste wäre. Eltern, Freunde, Freunde der Eltern, Eltern der Freunde, Verwandte, insbesondere Oma und noch einige, die einfach gerne zu allem ihren Senf dazu geben wollen. Es gibt einige Glückliche, die in allem, was sie tun, unterstützt werden, ohne sich auch nur einen abfälligen Kommentar anhören zu müssen. Studierende, die sich für ein zukunfts- und sicherheitsorientiertes Studium entscheiden, erfahren meist Zuspruch und Anerkennung für ihre Entscheidung. Heutzutage gehören hierzu vor allem die MINT-Studiengänge. MINT ist ein Akronym und steht für: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Auch Jura, Medizin und Wirtschaftswissenschaften gehören zu den „sicheren“ Berufen mit hoher Garantie später gut zu verdienen und einen soliden, sicheren Arbeitsplatz zu finden. Der Studiengang ist der Zugang zu einem klaren Berufsfeld, unter dem sich fast jeder etwas vorstellen kann. Wenn nicht von der Tätigkeit, dann zumindest von der Gehaltsabrechnung am Ende des Monats.

Wenn man hingegen Sprach-, Literatur- oder Geisteswissenschaften studieren möchte, dann sind die beruflichen Aussichten eher selten mit einem Gefühl der Sicherheit verbunden. Durch den fehlenden eindeutigen Berufszugang ist es schwieriger sich eine Zukunft vorzustellen, die nicht auf eine Hochschulprofessur hinausläuft. Das sollte einen jedoch auf keinen Fall davon abhalten, seinen Studiengang frei von gesellschaftlichem Druck zu wählen. Das sieht auch Ulrike Leitner so. Sie ist Studienberaterin an der Universität Konstanz und studierte Psychologie und Pädagogik. Außerdem ist sie Projektleiterin bei des Orientierungstests „was-studiere-ich.de“, welcher in Baden-Württemberg verpflichtend ist, um sich an einer Hochschule oder Universität zu bewerben. Sie sagt, es sind vor allem drei Bereiche, die für die Wahl des Studiengangs relevant sind: Interessen, Fähigkeiten und die eigenen Werte. Der Orientierungstest fragt in erster Linie die Interessen ab um eine erste Einschätzung abzugeben, welche Studiengänge passen könnten. Die Interessen sind wichtig bei der Entscheidung für oder gegen einen Studiengang. Denn nur, wo die Interessen liegen, lässt sich auch genug Motivation aufbringen, um im Studium zu lernen und am Ende erfolgreich zu sein.

 

Wenn einen etwas interessiert, man es aber nicht kann, dann braucht es sehr viel Fleiß um es trotzdem zu schaffen. Das ist eine Hürde, die nicht jeder nehmen kann. Hier kommen auch die Werte und Ziele ins Spiel. Wenn die finanzielle Sicherheit im Vordergrund steht, die Interessen aber bei Kunstgeschichte liegen, dann sollte man sehr gründlich darüber nachdenken, für welchen Studiengang man sich schlussendlich entscheidet. Die Wahl von Kunstgeschichte erfordert zwar erstmal Mut, da man sich gegen das gesellschaftlich Konforme entscheidet, kann aber genauso zukunftssicher sein. Die geringe Anzahl der Studierenden und die Begeisterung für das Fach können einem eine Zukunft sichern. Weniger Studierende bedeutet auch weniger Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt und Begeisterung für etwas impliziert meist auch, dass man es gut machen will. Es führen also viele Wege zu vielen Zielen. Das Zusammenspiel von Interessen, Fähigkeiten und Werten ist bei jedem anders und deshalb ist es auch nicht möglich eine pauschale Strategie vorzugeben.

 

Durch den uneindeutigen Berufszugang vieler Studienfächer und der Kompetenzen, die man erlernt, erweitert sich das Spektrum der Möglichkeiten ins scheinbar Unermessliche. Emmanuel Macron studierte Philosophie, genau wie Robert Habeck. Angela Merkel ist promovierte Physikerin und einer der bestbezahltesten Top-Manager Matthias Döpfler (Vorstandsvorsitzender Axel Springer SE) studierte einst Musik-, Theaterwissenschaften und Germanistik. Nicht immer ist also der Studiengang auch wirklich wegweisend für die berufliche Karriere. Für die Studienberaterin Ulrike Leitner ist auch ein weiterer Punkt entscheidend: „Wenn ich etwas mit Begeisterung studiert habe und dabei gut war, dann macht mich das stark für die Arbeitswelt. So aufgestellt habe ich die besten Chancen, auch einen guten Beruf zu finden. Ganz besonders bei den aktuell guten Arbeitsmarktbedingungen.“ Die Arbeitslosenquote liegt laut der Statistik der Arbeitsagentur im Oktober 2018 bei 4,9%. Vor zehn Jahren, bei der Finanzkrise, lag sie bei 7,8%. Das bedeutet Gutes für alle, die keinen der klassischen MINT-Studiengänge studieren.

 

Schlecht sieht es nur für die Erziehungswissenschaftler aus. Denn nach der Statistik von myStipendium finden von ihnen nur ca. 25% eine adäquate Beschäftigung und selbst dann winkt nur ein Einstiegsgehalt von durchschnittlich 29.000€. Spitzenreiter sind hingegen Ingenieure mit durchschnittlich 52.000€ Einstiegsgehalt, zumal sich die Suche nach einem Job kurz nach dem Studium relativ einfach gestaltet. Die Chancen Arbeit zu finden egal mit welchem Studiengang stehen jedoch prinzipiell gut. Perspektivlos ist kein Studiengang und wer das behauptet, hat sich einfach nicht umfassend informiert. Man muss sich nur selbst fragen, ob die Möglichkeiten die Richtigen für einen sind. Abstriche beim Gehalt, Flexibilität bei der Wohnortsuche oder auch lange Hilfsjobs, bis man an den Traumberuf kommt, müssen oft in Kauf genommen werden. Das will nicht jeder, wie auch die Verteilung der Erstsemester an der Universität Mannheim zeigt. Ein Großteil der Studierenden hier entscheidet sich für ein Studium im Bereich der Wirtschaftswissenschaften, was zum einen klar an den Kapazitäten der Universität Mannheim liegt, deren Ursprung in einer Wirtschaftshochschule begründet ist. Andere Studiengänge sind seit jeher im Kontrast dazu relativ unterrepräsentiert. Das hat sich seit 2011 nicht drastisch geändert und wird es vermutlich auch die nächsten Jahre nicht. Dennoch bleibt es legitim sich gegen gesellschaftliche Erwartungen zu stellen – auch wenn man Gefahr läuft, sich jedes Weihnachten erneut gegenüber seiner ganzen Familie rechtfertigen zu müssen – und sein eigenes Ding durchzuziehen. Gleiches gilt auch, wenn man einen sicheren und soliden Job anstrebt und die Selbstverwirklichung hintanstellt.

 

Text: Naila Salehmohamed

Recherche: Antoine Tür

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.