Kultur Theater

Von der Kunst eine Geschichte zu erzählen

Dass man sich an einem Sonntagnachmittag ein musikalisches Familienstück ab acht Jahren im Mannheimer Nationaltheater anschaut, hat viel mit hoffnungsvollen Erwartungen zu tun. Diese sind eng an den Titel 1001 Nacht oder die Macht des Erzählens, den subbotnik, seinem neuen Werk gegeben hat, geknüpft. Erzählen ist machtvoll, Erzählen ist eine Kunst und gute Erzählungen sind rar gesät.

Subbotnik, das sind der Musiker und Komponist Kornelius Heidebrecht, Bühnenbildner und Regisseur Martin Kloepfer und Schauspieler und Autor Oleg Zhukov, die seit 2012 unter diesem Namen als Theaterkollektiv zusammenarbeiten. Sie kommen aus der freien Szene, werden zurecht für ihre genreübergreifenden Produktionen gefeiert und bringen seither den Stadttheater-Abonnenten performative Ansätze näher, frei nach dem Motto “Subbotnik”, was so viel heißt wie “freiwilliger und unbezahlter Arbeitseinsatz am Sonnabend”.

Foto: Christian Kleiner

Während des Einlass kann man bereits das Bühnenbild sehen, es hängt kein Vorhang, kein Eiserner, nichts. Was dem Publikum offengelegt wird, ist ein Bühnenkonzept, das eine Stadt erahnen lässt. Hochhäuser aus Pappe in der Ferne, drei Wohnungen am Bühnenrand, markiert durch Holzständerwerke und ein Bühnenpodest im Zentrum. Die Gestaltungsmittel sind banal und herzzerreißend unspektakulär. Inhaltlich erzählt subbotnik die Geschichte von Nasrin und Namira, die sich auf einem Dach treffen und die Geschichte des buckligen Sängers erzählen, die wiederum von den Geschichten handelt, die der Koch, der Schneider und der Arzt erzählen, um der vom Kaiser verhängten Todesstrafe zu entkommen. Eine Geschichte in der Geschichte in der Geschichte in der Geschichte. Klingt komplizierter als es ist. Es geht im Grunde um die Frage, was eine gute Geschichte ist und was es heißt, gut zu erzählen. Und welcher Ort wäre für diese Fragestellung passender als das Theater? Welche literarische Vorlage passender als die gesammelten Erzählungen aus 1001 Nacht?

Foto: Christian Kleiner

Die Inszenierung lebt durch die Musik und genau wie das Bühnenbild, das mit seinen Pappkulissen protzt und alle Umbauvorgänge zeigt, wird jede musikalische Sequenz, jedes Geräusch von den Schauspielern auf der Bühne produziert. So kann der Zuschauer genau sehen, wie mit einem Weidenkorb knarzende Schiffsplanken entstehen und dass der Bass, der drohendes Unheil ankündigt, dort drüben von einem Schauspieler gespielt wird. Die musikalische Untermalung existiert gleichberechtigt neben den Schauspielern auf der Bühne und erschafft präzise und einfach ganze Welten.

Der Zauber dieser, dem Kollektiv eigenen, Erzählweise entsteht durch konsequente Offenlegung, die die Zuschauer fesselt. Und mit diesen Zuschauern sind vor allem sämtliche Kinder im Saal gemeint, prinzipiell harsche Kritiker, die an keiner Stelle unruhig werden und völlig in der Geschichte versinken. Auch ich erwische mich dabei, wie ich mit offenem Mund geradezu glotze und wahnsinnigen  Spaß an all den Effekten habe, die mir vorgeführt werden.

Diese Inszenierung hat etwas von den kleinen Geschwistern, die sehr stolz einen wahnsinnig schlecht ausgeführten Zaubertrick zeigen, der einen aber durch seine Banalität und dadurch, dass es nun mal das Beste ist, was diese kleinen Menschen zustande bringen konnten, in seinen Bann zieht. Subbotnik und die Darsteller sind keine dilettantischen Kinder, sie beherrschen die Kunst des Erzählens, denn es ist ein hohes Maß an Professionalität und perfektioniertes Handwerk erforderlich, damit eine so spontan wirkende Spielfreude vermittelt werden kann.

So decken sie auch das Theaterhandwerk an sich auf und führen es zu dem zurück, was es im Grunde ist: Spielen. Auf der Bühne wird auf so wundervolle und eindrucksvolle Weise mit allen Mitteln, die das Theater hergibt, gespielt, dass man große Lust hat mitzuspielen oder zumindest hofft, dass diese fantastische Erzählung nie aufhört.

Sicherlich gibt es auch schwache Momente, in denen etwas behauptet wird, dass nicht behauptet werden muss, beispielsweise wenn offensichtlich erwachsene Schauspieler einen kindlichen Habitus kokettieren, weil sie Kinder spielen. Solche Momente sind umso schmerzlicher im Vergleich zu der ansonsten virtuosen Erzählweise von subbotnik.

Und sicherlich gehöre ich als Studierende nicht zu der Zielgruppe dieser Inszenierung, sodass die Vorstellung auf inhaltlicher Ebene unterhält aber nicht nachhaltig bewegt, denn es bleibt ein Familienstück. Subbotnik gelingt es aber, den Zuschauer darüber hinaus in ihrer künstlerischen Fertigkeit auf einer Metaebene zu erreichen, die wirklich beeindruckend ist. Obwohl die Geschichte an sich vielleicht nicht in ihren Bann zieht, zieht die Erzählung in ihrer eigene Kunstfertigkeit auf jeden Fall in ihren Bann.

Text: Laura Lötzer

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