Kultur

Von der RAF in die Favela. Ein Gespräch mit Lutz Taufer

Lutz Taufer studierte Ende der Sechziger Jahre Psychologie an der Universität Mannheim, ab 1970 war er Mitglied des Sozialistischen Patientenkollektivs (SPK) in Heidelberg. Über das dortige Antifolterkomitee schloss er sich 1974 der Roten Armee Fraktion (RAF) an und beteiligte sich im Jahr darauf am Überfall auf die deutsche Botschaft in Stockholm. Nach Verbüßung einer zwanzigjährigen Haftstrafe arbeitete er für den Berliner Weltfriedensdienst knapp zehn Jahre in den Favelas von Rio de Janeiro. Über manche Station seines Lebens zu schreiben, fällt ihm auch heute nicht leicht. Am 12. April stellte Lutz Taufer seine Autobiographie „Über Grenzen. Vom Untergrund in die Favela“ an der Universität Mannheim vor. Bei den eingeschobenen Zitaten handelt es sich um Passagen aus dem Buch.

Jonas Brosig: Herr Taufer, Sie wurden vor über 20 Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Schon damals hätte Ihr Leben genug Stoff für ein Buch geliefert. Wieso erscheint Ihre Autobiographie erst jetzt?

Lutz Taufer: Das ist eine gute Frage. Im Gefängnis war ich ja zusammen mit anderen RAF-Gefangenen die meiste Zeit in Isolationshaft, da funktioniert der Geist nicht so, wie er sollte. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis musste ich mich draußen erst wieder einsortieren. Da hatte ich einfach keine Zeit und keinen Nerv, ein Buch zu schreiben. Erst, als ich nach zehn Jahren von Brasilien nach Deutschland zurückkam, ist dieses Projekt gereift. Viele haben gemeint: „Schreib das doch auf, deinen Weg.“

Jonas Brosig: Diesen Weg, von der badischen Provinz bis nach Brasilien, beschreiben Sie sehr kleinschrittig. Gab es Stationen, die für Sie besondere Bedeutung hatten?

Lutz Taufer: Wichtig für mich war vor allem Heidelberg, das Sozialistische Patientenkollektiv und dann, im negativen Sinne, die zwanzig Jahre Haft natürlich. Aber das Wichtigste in meinem Leben war mein Aufenthalt und meine Arbeit in brasilianischen Armenvierteln, den Favelas.

„Andererseits, wie viele und welche Worte ich auch schreibe, es sind immer zu wenige Worte.“ (104)

Jonas Brosig: Als Mitglied des RAF-Kommandos Holger Meins haben Sie 1975 die deutsche Botschaft in Stockholm überfallen, zwei Geiseln wurden dabei erschossen. Warum nimmt dieses folgenschwere Ereignis in Ihrem Buch nicht mehr Raum ein?

Lutz Taufer: Ja, das werde ich immer wieder gefragt, es ist auch eine wichtige Frage. Das hängt einfach damit zusammen, dass es sehr schwer für mich war, darüber zu schreiben. Ich habe viel mit Freunden darüber diskutiert, offen und ehrlich, so wie ich es empfunden habe. Aber das dann auch niederzuschreiben war nicht einfach für mich. Deswegen ist das vielleicht etwas kurz ausgefallen. Es handelt sich dabei aber auch nur um zwölf Stunden meines Lebens. Demgegenüber saß ich zwanzig Jahre im Gefängnis, und dass das einen größeren Raum einnimmt, ist, finde ich, einleuchtend.

Jonas Brosig: Ihre Haftstrafe haben Sie unter anderem in den Justizvollzugsanstalten von Schwalmstadt und Celle verbüßt. Wie haben Sie die Zeit im Gefängnis erlebt?

Lutz Taufer: Vor kurzem habe ich einem Freund aus Brasilien geschrieben, der während der Diktatur dort gefoltert wurde und trotz allem ein toller Mensch geworden ist: „Du bist gewachsen, gegen die Folter. Ich bin gewachsen, indem ich tagtäglich mir überlegte, was ich machen, was ich tun kann“. Ich habe zwölf Hungerstreiks gemacht, mit anderen RAF-Gefangenen zusammen, bis an den Rand des Todes. Ich bin nach der Rechtskraft des Urteils 1978 nach Schwalmstadt in Nordhessen verlegt worden. Dort wurde mir als erste Lockerung der Isolationshaft angeboten, mit Verurteilten des Frankfurter Auschwitz-Prozesses täglich eine halbe Stunde fernzusehen. Das war der Klehr, Sanitäter von Auschwitz, der tausende von Gefangenen abgespritzt hat, mit Herzinjektion; das war Kaduk, der hat an der Rampe aussortiert und sehr viele Kinder umgebracht. Das hat mich rasend gemacht, diese Schweinerei. Wir haben dann wieder einen Hungerstreik gemacht, in dem den RAF-Gefangenen vom damaligen Bundesjustizminister Schmude zugesagt wurde, dass eine bestimmte Anzahl amtlich geführter Gefangener, darunter auch mein Name, in Kleingruppen zusammengelegt würden. Das war dann nicht der Fall, dagegen habe ich protestiert. Ich habe morgens Lärm gemacht, an die Tür getreten. Daraufhin wurde ich misshandelt, über Wochen hinweg, bis mein Anwalt durchgesetzt hat, dass ein Rechtsmediziner zu mir kommen und mich begutachten konnte. Auch Amnesty Schließlich wurde ich nach Celle verlegt.

„Außer Hungerstreik hat eine Gefangener nicht viele Möglichkeiten, sich zu wehren.“ (126)

Jonas Brosig: Sie haben sich bereits vor Ihrer eigenen Haft im Heidelberger Antifolterkomitee für die RAF-Gefangenen eingesetzt. War das Gefängnis so, wie Sie es sich zu dieser Zeit vorgestellt hatten?

Lutz Taufer: Eigentlich schon. Aber von etwas nur abstrakt zu wissen und es dann selbst zu erleben, das ist nochmal eine ganz andere Sache. Insbesondere das Nachlassen der geistigen und seelischen Kräfte unter dem Eindruck der Isolation. In einer Situation, in der man eigentlich darauf angewiesen ist, hellwach zu sein. Und man kann sich auch nicht mehr auf den eigenen Intellekt und die eigene Gefühlslage verlassen. Das ist eine schlimme Erfahrung, die ich niemandem wünsche. Ich bin in der Zelle auf und ab, habe Kopfrechnen gemacht: 13,4 mal 25,8. Das hat auch eine kritische Auseinandersetzung mit der RAF ein Stück weit blockiert. Es wurde uns deutlich gemacht, teilweise wörtlich gesagt: „Ihr bleibt so lange in Isolationshaft, bis ihr abschwört“. Und schon um der Selbstachtung willen hat man aufgepasst, dass man nicht zu kritisch mit der Geschichte der RAF umgeht. Das war also alles nicht so einfach.

„Ich versuchte es auch mit Kopfstand, weil ich glaubte, dass so die Durchblutung des Gehirns verbessert würde, der Effekt war aber nicht sehr überzeugend.“ (134)

Jonas Brosig: Sie sind 1995 aus der Haft entlassen worden. Wie haben Sie sich unmittelbar danach im Alltag zurechtgefunden?

Lutz Taufer: Nun ja, es gab natürlich viele Dinge, die neu waren. Ich habe mich am Morgen nach meiner Entlassung aufgemacht und wollte zum Bahnhof fahren, um zu gucken, ob in den Zeitungen etwas über mich drinsteht. Ich stand dann vor diesem Fahrkartenautomaten und habe das einfach nicht hinbekommen. Ich habe das nicht verstanden, wie man einen Fahrschein kauft und bin dann, obwohl ich ja auf Bewährung entlassen war, gleich mal schwarzgefahren, zum Hauptbahnhof in Hamburg. Dort habe ich dann einen Stand gesehen, wo es Döner gab. Das wusste ich aus der taz im Hochsicherheitstrakt, dass es so etwas gibt, Döner. Ich bin dann dahin und hab gesagt: „Ich möchte einen Döner.“ Da hat der Verkäufer gefragt: „Mit oder ohne Soße?“, und schon war ich in Verlegenheit, weil das natürlich nicht in der Zeitung stand, dass es da Soße dazu gibt. Vieles musste ich also erst wieder lernen, vor allem aber war ich immer sehr schnell müde. Wenn ich mit einer Freundin ins Kino gegangen bin, bin ich jedes Mal eingeschlafen. Heute ist das ganz anders, aber diese Reizüberflutung war ich damals nicht gewohnt.

„Als ich am Strand von Ipanema stand, dachte ich mir: Das ist der maximal vorstellbare Gegensatz zum Hochsicherheitstrakt in Celle.“ (205)

Jonas Brosig: Sie sind schließlich für mehrere Jahre nach Brasilien gegangen und haben sich in der Entwicklungszusammenarbeit betätigt. Welche Bedeutung hat diese Zeit für Sie?

Lutz Taufer: Ich war froh, dass ich in ein anderes Milieu kam. Rio ist eine sehr schöne Stadt, die aber auch sehr schnell ermüdet. Ich war einige Male dort, bis mir ein Freund eine Wohnung angeboten und mich mit Cristiano in Kontakt gebracht hat, der Gründer einer brasilianischen NGO namens Campo ist. Dort habe ich das Gründungspapier der Organisation von einem schwer verständlichen in ein lesbares Deutsch übertragen. 2002 wurde Campo Partnerorganisation des Berliner Weltfriedensdienstes. Ich habe dann ein altes Projekt, dass ich zusammen mit einigen Menschen aus den Favelas entwickelt hatte, überarbeitet und beim Bundesministerium für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit eingereicht. Das wurde genehmigt und so wurde ich Kooperant, das heißt Entwicklungshelfer nach dem deutschen Entwicklungshilfegesetz. Von 2003 bis 2012 war ich dann erneut, nun für längere Zeit, in Brasilien. Das war für mich eine ganz wichtige Sache, weil ich so etwas anderes zu tun hatte. In den Favelas haben wir Berufsbildungskurse durchgeführt, mit Jugendlichen gearbeitet, Kooperativen gemacht. Vor allem aber haben wir daran gearbeitet, dass die Menschen Ihre eigenen Fähigkeiten entdecken, etwas zu gestalten.

„Ein Deutscher, so die gängige Meinung, hat Geld. Ein Brasilianer, der Geld hat, geht nicht in die Favela.“ (224)

Jonas Brosig: Auch nach Ihrer Zeit in Brasilien haben Sie sich in der Entwicklungszusammenarbeit engagiert, noch heute sind Sie im Vorstand des Weltfriedensdienstes tätig. Womit beschäftigen Sie sich dort?

Lutz Taufer: Der Weltfriedensdienst ist ein Verein nach dem deutschen Vereinsrecht und hat, wie jeder Verein, einen Vorstand, der die strategische Entwicklung unserer Geschäftsstelle in Berlin begleitet. Zurzeit befinden wir uns in einer erheblichen Umbruchzeit. Die Entwicklungszusammenarbeit wird auch vom BEZ-Minister Müller mehr und mehr nicht zur Bekämpfung der Fluchtursachen eingesetzt, sondern zur Bekämpfung der Flüchtlingsströme. Wir in Deutschland, in der EU, wir schaffen ja Fluchtursachen, beispielsweise durch den Export von subventionierten Lebensmitteln, etwa nach Afrika und zu einem Preis, mit dem die dortigen lokalen Produzenten unmöglich konkurrieren können. In Afrika gibt es kein Hartz IV, die Leute stehen da buchstäblich vor dem Nichts.

Jonas Brosig: Nun, da Sie Ihr Buch veröffentlicht haben: Haben Sie konkrete Pläne für die Zukunft?

Lutz Taufer: Eigentlich nicht. Aber ich brauche etwas, ein Ziel, ein Projekt. Ich habe ein paar vage Vorstellungen, würde sehr gerne wieder schreiben. Allerdings, wenn mein Buch jetzt einen gewissen Erfolg hat, dann, weil das zentrale Thema die RAF ist. Nicht für mich persönlich, aber für die Öffentlichkeit ist es so. Wenn ich ein anderes Buch schreiben würde, in dem es dann nicht um die RAF geht, wüsste ich nicht, ob ich damit Erfolg hätte.

Jonas Brosig: Herr Taufer, vielen Dank für das Gespräch.

Interview und Text: Jonas Brosig

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