Kultur Musik

Von Lemmingen und Elefanten

Interview-Emma6_552 (c) Felix Wittich

Am 03. März ist das neue Album „Wir waren nie hier“ der deutschen Pop-/Rockband EMMA6 erschienen. Es ist die dritte Platte der Jungs aus Nordrhein-Westfalen, die bereits mit „Wir sind Helden“ auf Tour waren und 2011 ihren Song „Paradiso“ in den deutschen Singlecharts platzieren konnten. Wir haben uns das neue Album für euch angehört.

Die drei Freunde haben sich eine Weile nicht gesehen. In ihren Gesichtern sieht man die Vorfreude auf das Wiedersehen. Was sie erlebt haben, was sie durchgemacht haben, wann sie vielleicht gescheitert sind, geliebt und gelacht haben, ist jetzt erst einmal Vergangenheit. Man lacht, trinkt und erzählt aus seinem Leben. Es ist wie in alten Zeiten – hier im „Haus mit dem Basketballkorb“.

Mit Texten wie diesem gibt EMMA6 ganz viel zu verstehen. Aber nicht nur ihre eigenen Gedanken. Denn die Songs sollen zum Nachdenken anregen, Assoziationen wecken. Warum ist man heute der, der man ist? Und welche Aussage trifft das eigentlich über das, was noch kommt? Es geht um das Gestern, das Heute und auch das Morgen.

EMMA6, das sind die Geschwister Peter (Gesang und Gitarre) und Henrik Trevisan (Schlagzeug) sowie Dominik Republik (Bass). Die drei kommen aus dem kleinstädtischen Heinsberg in Nordrhein-Westfalen und machen schon seit ihrer Schulzeit zusammen Musik. Der Name der Band stammt übrigens von einer schottischen Austauschschülerin namens Emma, auf die alle drei standen. Bei ihr landen konnte letztlich niemand von ihnen – aber den Namen, den haben sie behalten. Der Buchstabe 6 ist eine Anlehnung an den britischen Geheimdienst MI6; denn alle drei Bandmitglieder sind große James Bond-Fans.

Nach ihren ersten beiden Alben Soundtrack für dieses Jahr (2011) und Passen (2013) erscheint mit Wir waren nie hier nun ihr drittes Album, das sie – nach langjähriger Zusammenarbeit mit Universal Music Domestic Pop – nun in Eigenproduktion aufnahmen, bevor ferryhouse productions ihnen einen Vertrag anbot. „Wir wollten uns nicht mehr dem Zwang unterwerfen, Schwächen beim Spielen und Singen, unbedingt ausbügeln zu müssen – wie es mittlerweile leider Standard ist. Was wir machen, ist manchmal sicher sehr weit entfernt von musikalischer Perfektion, aber besitzt dadurch auch eine gute Dynamik, eine eigene Note. Das wollten wir auf dem Album festhalten“, meint Sänger Peter.

71ZJRd7OZRL._SL1200_

Tatsächlich hatten die ersten beiden Alben ihre Schwächen. Sie waren ein wenig zu glattgebügelt, grenzten sich klanglich nicht wirklich von anderen Künstlern ab. Musikalisch vielleicht manchmal etwas zu ‚poppig‘, kann das neue Album vor allem mit einem punkten: den Texten! Es geht um Fragen, die sich junge Menschen mit Mitte Zwanzig eben stellen: Was bringt die Zukunft? Muss ich machen, was andere von mir erwarten? Warum muss ich eigentlich immer in allem Erfolg haben? Daher lautet auch ein Tipp von Sänger Peter Trevisan, den er uns im Interview verraten hat: Das Album unbedingt komplett anhören, denn es bilde eine Einheit, die sich erst nach dem vollständigen Hören erschließe. Ob das so ist, muss jeder für sich selbst beantworten. Was man allerdings sagen kann: Die Texte sind immer anspruchsvoll und nachdenklich, niemals trivial; ohne in die doch so beliebte weinerliche Melancholie deutscher Sänger und Bands abzudriften. Vielleicht ist auch einfach das die beschriebene Einheit. Alles in allem wirkt die Musik gereift, die Band scheint erwachsen geworden zu sein.

Um einen ersten Eindruck zu bekommen, hier ein paar der Lieder als Einstiegshilfe:

„Kapitulieren“ … ist das erste Lied des Albums und hat Potenzial zum Favoritenstatus. Der Text klingt sehr erwachsen und nachdenklich, vielleicht auch ein bisschen melancholisch. Doch auf eine positive Art und Weise. Es ist eine Absage an das „Immer perfekt sein müssen“, denn Versagen ist menschlich, und auch manchmal ganz richtig.

„10 Jahre“ … Das Lied hat Sänger Peter auf einer Interrail-Reise durch Großbritannien geschrieben. Obwohl keine eigene Gitarre zur Hand, wusste er sich zu helfen und fand immer wieder eine zum Spielen, ob in Hostels oder im Pub – und so wuchs das Lied von Station zu Station. Es ist die Frage nach dem Status Quo. Wo stehen wir? Und wo stehen wir in 10 Jahren? „Werd‘ ich mir nie wieder wünschen meine Zeit zurückzudrehen, sondern alles dafür tun, dass dieser Tag nie wieder geht?“

„Elefant“ … „Wir alle können ja frei entscheiden, ob wir aufstehen oder sitzen bleiben.“ Der Song steckt voll Inspiration für Großes: Einfach einmal der Elefant im Porzellanladen sein und nicht immer mit dem Strom schwimmen.

„Lemminge“ … ist die Singleauskopplung des neuen Albums. Ehrlich gesagt, hat es rein musikalisch bessere Lieder zu bieten, denn es liegt doch stark im Mainstream – aber die Jungs müssen eben auch von irgendetwas leben. Zumindest der Text hat es in sich und ist ein Appell an die eigene Generation, nicht immer alles nachzumachen, sondern das Leben zu genießen. Sei kein Lemming. „Wir gehen unter im Verderben oder auf mit den Sternen, aber ein Lemming werden wir nie gewesen sein!“

Text: Verena Böckle, Bilder: (c) Felix Wittich,EMMA6

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.