Campusleben

Von Skinheads und Nazi-Hipstern

Ein Blick auf das rechte Potential an der Uni Mannheim und anderen deutschen Hochschulen.

„Deshalb braucht man einen oder mehrere Rückzugsorte auf dieser Welt, wo konstitutionell verankert ist, dass die biologische Substanz unantastbar ist.“

„Lieber biologisch korrekt, als politisch korrekt.“

„Die Menschen sind nett, aber nicht deutsch.“

Sätze, die zunächst klingen, als wäre man im Café Soleil eingeschlafen und das Unterbewusstsein verarbeite nachts in einem Fiebertraum die Impulse der Drittes-Reich-Dokumentationen auf N24. Doch leider – so deutlich muss man es sagen – sind diese Gedanken und dieses Weltbild Teil der Studierendenschaft Mannheims.

Jonathan Alan Stumpf aka Johannes Scharf, wie er auf YouTube und als Autor auftritt und sich damit bereits seinen eigenen Bernd-Höcke-Moment geschaffen hat, studiert im Master Geschichte (Ja, Geschichte!) an der Universität Mannheim. Bei der Gemeinderatswahl im Mai 2019 kandidierte er auf Listenplatz 1 für die NPD, verpasste jedoch den Einzug in das Parlament. Geboren 1988 (als hätte er es sich ausgesucht) in Virginia, begann er seine Neonazi-Karriere bei der Kameradschaft Heidnischer Sturm Pforzheim. Wegen einer Hetzjagd auf einen Jugendlichen wurde Stumpf 2010 zu drei Jahren Bewährung verurteilt. Nach einem Intermezzo in der Grundausbildung der US Army in Georgia landete er zunächst für ein Philosophiestudium an der Universität Heidelberg und schloss dieses, inklusive einem Auslandssemester in Cluj-Napoca (Rumänien), mit Bestnote ab, wie es seinem Facebook-Profil zu entnehmen ist. Seine nächste Station soll ein Auslandssemester an einer niederländischen Universität sein. Neben seinem Studium gründete er den Verein Nova Europa Society, dessen Manifest in neun verschiedenen Sprachen kaum rassistischer daherkommen könnte. Es wird von der am Abgrund stehenden weißen Welt geredet und ein weißer Ethnostaat als Rückzugsort und Überlebensgarant für die „weiße Rasse“ propagiert. Ganz offensichtlich geht es hier nicht um nationales Geschwurbel und die Sicherung von Grenzen. Es wird sehr bewusst die nationalsozialistische Rassenideologie verwendet, um damit auch in Europa und Nordamerika gezielt nach Verbündeten zu suchen.

In seinen Texten, Interviews und Videos gibt Stumpf sich eloquent und belesen, verwendet Ausdrücke wie „autochthon“ und „Mestize“ und zitiert Umberto Eco. Mit gerolltem R verbreitet er anmaßend seine „Wahrheiten“ über Migration, den Staat Israel und weitere Themenkomplexe. Dabei vergisst er nie, seine verfassungsfeindlichen und verachtenden Ansichten durch eine scheinbar logische Argumentationsstruktur zu verschleiern.

In Bezug auf die Multikulturalität Mannheims sagt er, dass die Stadt sowie die meisten westdeutschen Großstädte, bereits verloren sei und spricht Menschen in den „noch zu rettenden mitteldeutschen“ Kleinstädten in Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Co. an.

Wie die Plattform de.indymedia.org berichtet, wurde der Mannheimer Student, sein Weltbild und seine vergangenen sowie aktuellen politischen Aktivitäten, im Juni 2019 an der Universität Mannheim und in seiner Wohngegend geoutet. Die Plakate, welche unter anderem seine Handynummer und E-Mail-Adresse preisgaben, betrachtet er in einer, auf seinem YouTube-Kanal veröffentlichten, Reaktion als positiv und ist der Meinung, sie steigerten lediglich seine Beliebtheit und seinen – Zitat – „Sex-Appeal“.

Wie kann es sein, dass jemandem mit einer solch menschenverachtenden Ideologie durch die Universität ein so großes Netzwerk geboten wird und er sogar womöglich noch von Programmen, wie der ERASMUS-Förderung profitiert?

Das Ziel dieses Artikels ist es nicht, ein weiteres Outing durchzuführen. Vielmehr soll dies eine Bestandsaufnahme über die jüngsten Entwicklungen an deutschen Universitäten sein. Ist Jonathan Stumpf ein Sonderfall? Oder haben andere Unis mit ähnlichen Problemen zu kämpfen und wie wird dort damit umgegangen?

Deutsche Hochschulen – (K)ein Platz für Nazis?


Jonathan Stumpf mag ein extremes Beispiel sein und der eine oder andere wird argumentieren, man möge einem einzelnen rechtsextremen Kopf nicht zu viel Raum schenken und wegen eines einzelnen Nazis nicht die Alarmglocken schrillen lassen. Nach dem Motto: „Einen rechten Spinner gibt es eben überall.“ Doch wie sieht es aus, wenn rechtsextreme Gesinnungen offen in deinem Seminar geäußert werden? Wenn plötzlich die Schwelle des Sagbaren auf der rechten Seite eingerissen wird, weil menschenverachtendem Gedankengut in der Uni eine Bühne geboten wird? Braucht es nicht, um diese Gefahr zu verhindern, schon von vornherein eine klare, öffentliche Positionierung der Universität? Eine, die deutlich zum Ausdruck bringt: Wer so denkt, hat hier nichts verloren!

Ja (!) meint Andreas Zick, Konfliktforscher und Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld. Gegenüber dem Deutschlandfunk äußerte er: „Wir sehen aus vielen Studien: Wenn man den Rechtsextremismus an einem Ort akzeptiert, indem man zum Beispiel sagt, ja, das muss man hinnehmen, oder man ihn ignoriert, dann sickert das ein. Und dann zieht das Kreise. Und dann ist die Toleranz gegenüber noch mehr Menschenfeindlichkeit erhöht.“ Er kritisiert damit den oft unentschlossenen Umgang deutscher Universitäten mit menschenverachtendem Gedankengut in Teilen der Studierendenschaft. Die Aussage von Andreas Zick stammt zwar aus dem Jahr 2013, liest sich jedoch wie die Tatsachenbeschreibung für die Situation, die man 2019 mancherorts in Deutschland vorfindet. Wirft man etwa den Blick nach Halle, eine der mitteldeutschen Städte die laut Scharfs (oder Stumpfs?) Aussage „noch nicht verloren“ sei, dann sieht man, wozu apolitische Zurückhaltung führen kann.

2017 haben in Halle Mitglieder der Identitären Bewegung (IB), einer Gruppierung der Neuen Rechten, die ideologisch einen sogenannten Ethnopluralismus vertritt und vereinfacht gesagt die Hipster-Inkarnation von Old-School-Glatzen wie Jonathan Stumpf darstellen, ein Haus in unmittelbarer Nähe zum Uni-Campus bezogen. Die Identitären haben seither einen Raum für ihre Inhalte in direkter Nachbarschaft zum akademischen Diskurs und treten auch in diesen ein. In unterschiedlichen Seminaren haben Identitäre beispielsweise versucht mit „Bekenneraktionen“ in vermeintlich passenden Situationen ihre Gesinnung publik zu machen und zu legitimieren, also den Rahmen des Sagbaren auszuweiten, wie Dr. Claudia Böttcher, Lehrbeauftragte an der Uni Halle, gegenüber dem MDR berichtete. Sie fügte hinzu, dass sie und andere Dozent*innen mit der allen bekannten Problematik von der Universitätsleitung alleine gelassen wurden und ihnen der nötige Rückhalt gefehlt habe. Diese blieb lange still und ließ sich einige Monate Zeit, bis sie gemeinsam mit Vertreter*innen der Studierendenschaft in einem offenen Brief klar Stellung gegen die IB und andere rechtsextreme Gruppierungen bezog. Präventives Verhalten sieht anders aus. Fairerweise muss man sagen, dass die Universität das rechte Hausprojekt wohl nicht hätte verhindern, jedoch der drohenden Gefahr deutlich früher begegnen können. Erst nach reichlich langer Wartezeit gab es Informationsveranstaltungen zur Ideologie der Neuen Rechten und Workshops für die Mitarbeiter*innen, in denen Strategien zum Umgang mit den Neonazis vorgestellt wurden. Diese Reaktion der Uni Halle ist im Nachhinein natürlich vollkommen richtig, kommt jedoch leider zu spät.

Und offen bleibt die Frage: Warum tut sich eine Generation von Professor*innen, welche das Erbe der 68er angetreten hat, so schwer damit, eine öffentliche Null-Toleranz-Politik gegenüber Rassisten und Faschisten zu fahren?

Als beispielsweise in Hannover 2013 eine NPD-Funktionärin von der örtlichen Antifa geoutet wurde, zeigte sich die Universität entsetzt vom Vorgehen der linken Aktivist*innen und erstattete Anzeige. Anstatt sich also kritisch mit Nazis in der Studierendenschaft auseinanderzusetzen, wurden diese als Opfer stilisiert.

Ähnlich 2018 in Bremen, als es zu Zerwürfnissen zwischen Asta und Universitätsleitung kam, da sich die Studierendenvertreter*innen weigerten, ein Outingplakat von der Tür des Asta-Raumes zu entfernen. Wieder wurde die Chance verpasst, aktives Engagement gegen Rechts zu zeigen. Vielmehr versteckten sich die Hochschulen hinter vermeintlicher politischer Neutralität, aus Angst, der linken Politik beschuldigt zu werden.

Wenn die Universität jedoch ein Ort des demokratischen Diskurses bleiben soll, dann muss dieser auch verteidigt werden. Schweigen darf hier keine Option sein. Wer eine tolerante Uni will, muss sich laut und deutlich von menschenverachtendem Gedankengut, wie es ein Jonathan Stumpf verbreitet, distanzieren. Es muss gezeigt werden, dass an deutschen Hochschulen kein Platz für Nazis ist!

Text: Anonym

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