Kultur

„Wahlsonntag für alle, die nicht wählen dürfen“

Das uni[ma]gazin am Wahlsonntag beim Wunder der Prärie Festival

„Dieses Mal war ich irgendwie aufgeregt.“ erzählte Kuratorin Charlotte Arens im Interview rückblickend über ihre eigene Wahl. Für den Nachmittag lud sie zum „Social Body Building-Training für die Wahlen der Zukunft“.

Es ist ein sonnig-warmer Sonntagnachmittag im September, der wie alle Sonntage höchstens zum Nichts –Tun und Entspannen einlädt. Doch es ist kein Sonntag wie jeder andere. Es ist der 24.09.2017 –  ein Wahlsonntag.  Alle Bewohner Mannheims, die die Politik in diesem Land aktiv mitgestalten wollen gehen wählen… Alle? Nein, ein von unbeugsamen Bürgern besuchter Ort namens zeitraumexit richtet sich an alle, die nicht wählen dürfen.

„Wer die Wahl hat, kann sich für ein kleineres Übel oder ein größeres Versprechen entscheiden. Wer keine Wahl hat, also stimmlos gemacht wird, kann zum Wahlsonntag für Alle kommen“ lautet es im Programmheft des internationalen Performancekunstfestivals Wunder der Prärie. Vom 14.-24.09.2017 lud dieses zu diversen „Social Body Building“-Veranstaltungen an verschiedenen Mannheimer Orten ein. Ein Social Body Building deshalb, weil das Publikum immer interagiert und sich dadurch mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzt.

Und zum Sonntag fügte sich die Bundestagswahl wunderbar in das Gesamtkonzept des Festivals.

Im Innenhof des zeitraumexit-Geländes baute die Mannheimer Kunstaktions-Gruppe BRÜTEN verschiedene familienfreundliche Stationen zum Thema Wahlen(Malen) kreisförmig zu einem interaktiven Schauplatz zusammen. Zur Wahl standen unter anderem: ein „Speakers-Corner“ – ein Podest, an dem selbsternannte Politiker z.B. ihre Wahlversprechen hinausposaunen können, eine Wahlurne mit Sofort-Schredder-Funktion, eine Wahlbeichtstuhl-Kabine in der Wähler ihr schlechtes Gewissen ablegen können, ein Limo-Verkaufsstand mit integrierter Tafel zur statischen Erhebung der meistgewählten Limofarbe – gelb, grün oder rot- und anschließender Hochrechnung. Mittendrin ein bunter Tisch mit Farben, Stiften, Pappen und Bastelkram zur Gestaltung eines eigenen Wahlplakats (einige Exemplare wurden später im Jungbusch über veralteten „Echten“ aufgehangen.)

Die Künstlergruppe – verkleidet als Wahl/Mal-Helfer – wollte damit allerdings nur zu eigenen Ideen anregen und lässt wie gewohnt viel Freiraum zur Interpretation und zum Ausprobieren. Den Gästen war es selbst überlassen wie viel Metaphorik sie ins Spiel bringen oder ob sie sich einfach nur einen spaßigen Nachmittag machten.

Neben dem Festivalsgast Brüten, stellte sich außerdem die erste deutsche Kinderpartei Sesselkinderpartei (SeKiPaDe) mit Wahlplakaten, Flyern und einem Videobeitrag vor.

Einige werben mit ihrem Wahlprogramm in einem kleinen Duell auf dem Podium. Auch wenn viele der formulierten Ziele (wie zum Beispiel ein Schokobrunnen an jeder Ecke) nur Spaß waren, war es doch eine willkommene und wertvolle Abwechslung, den Kindern das Wort zu geben. Probe-Wahlen an vielen deutschen Schulen hatten ja ohnehin schon gezeigt, dass Kinder ein Anliegen haben. Und scheinbar sozialer und vielleicht auch gerechter Wählen als Erwachsene.

Musikalisch untermalt wurde das – im wahrsten Sinne des Wortes – bunte Treiben mit passenden Songs von Chris Whap-a-dang (Disko Esperanto an der alten Feuerwache). Der eigens gesammelte Vinylplattenmix reichte von Parteihymnen, über klassische Arbeiterlieder bis hin zu Punk/Hardcore-Musik mit politischem Bezug.

In der kaprowbar im Souterrain von zeitraumexit gab es in gemütlicher Atmosphäre guten Kaffee und leckeren Kuchen, bei dem man sich nebenbei einem Werk von Marc Lee (Biennale für aktuelle Fotografie) widmen konnte: eine durch einen Beamer an die Wand projizierte „Live-TV-Sendung“, die Beiträge aus Twitter, Facebook, Instagram und Co. zum Thema Bundestagswahl und Spitzenkandidaten/Parteien zusammenlaufen lässt und somit einen komprimierten Einblick in den „digitalen Marktplatz“ gewährt.

Fest steht, dass allein durch den Anlass der Veranstaltung neu über das Thema Wahlen zum Nachdenken angeregt wurde. Vor allem in einer multikulturellen Stadt wie Mannheim, mit einem Ausländeranteil von über 25% und damit vielen Menschen, die nicht wahlberechtigt sind hat dieses Thema eine besondere Relevanz. Diese Bevölkerungsgruppe und auch Menschen mit Behinderung, die unter Totalbetreuung stehen, waren aber leider kaum bis gar nicht vertreten, was auch  Kuratorin Charlotte Arens bedauerte. Dabei ging es ihr nicht darum, dass alle diese Bevölkerungsgruppen zukünftig bedingungslos wählen dürfen. Sondern, dass darüber nachgedacht wird, was es heißt, wählen zu dürfen und warum andere Gruppen dies nicht dürfen. „Es gibt so viele Menschen, die nicht besonders rational wählen, denen man das Recht zugesteht eine sehr Emotionen basierte Entscheidung zu treffen, aber jemand der eine sogenannte geistige Behinderung hat, sich aber dennoch weiterbilden kann, dem wird es nicht gestattet.“ so Charlotte Arens.

Autorin: Nina Burau

Fotos: mit freundlicher Genehmigung von zeitraumexit

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