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„Weed, Xanax, Percocet, Lean, Ecstasy, pretty much everything“

Der US-Amerikanische Rapper Lil Peep (bürgerlich: Gustav Åhr) ist am 15.. November im Alter von 21 Jahren verstorben. Kurz vor einem geplanten Auftritt in Tucson, Arizona fand man ihn leblos in seinem Tourbus. Exakt drei Monate zuvor erschien sein hochgelobtes Debütalbum Come Over When You’re Sober, Pt. 1. Doch nicht nur in der amerikanischen Musikszene galt Gustav Åhr als die neue Stimme des Emo im alternative HipHop, auch in der Modewelt arbeitete er bereits an seinem Ikonenstatus. So lief er beispielsweise über die Laufstege der Pariser und Mailänder Fahionweek.

Auch wenn noch kein toxikologischer Bericht Klarheit gibt, ist davon auszugehen, dass eine Überdosis verschiedener verschreibungspflichtiger Medikamente für den Tod des 21-jährigen verantwortlich ist.

Man könnte meinen, das Ableben des Musikers sei ein tragischer Einzelfall, dabei ist es nur die Spitze der tiefgreifenden Opioid-Krise, mit der die Vereinigten Staaten momentan zu kämpfen haben.

Auf die Frage, was denn seine Lieblingsdrogen seien, antwortete Lil Peep in einem Interview im März 2017: „Weed, Xanax, Percocet, Lean, Ecstasy, pretty much everything“. Drei von den fünf genannten Substanzen sind verschreibungspflichtige Medikamente oder daraus entstandene Produkte. Der in Xanax enthaltene Wirkstoff Alprazolam gehört zur Gruppe der Benzodiazepine und wird zur Behandlung von Angst- und Panikstörungen angewendet. Percocet ist ein schmerzlinderndes Medikament aus dem Opioid Oxycodon und Paracetamol. Bei Lean handelt es sich um einen umgangssprachlichen Ausdruck für ein Getränk aus codeinhaltigem Hustensaft. Auch Codein gehört zu den Opioiden. Ein weiteres Medikament, das hier nicht genannt wurde, aber wohl mitverantwortlich für Lil Peeps Tod und zentraler Bestandteil der Opioid-Krise, ist Fentanyl. Es ist etwa 120-mal so potent wie Morphin und wird als Schmerzmittel zum Beispiel bei Krebserkrankungen eingesetzt.

1999 starben 4000 Menschen in Amerika an einer Überdosis, 2010 hatte sich diese Zahl schon vervierfacht. 2016 stieg es im Vergleich zum Vorjahr nochmal um 19% auf insgesamt 64000 Todesfälle an. Für Amerikaner unter 50 ist eine Überdosierung von Drogen mittlerweile die häufigste Todesursache, zwei Drittel der Tode sind auf Opioide zurückzuführen und rund die Hälfte aller Opioid-Überdosierungen beinhalten verschreibungspflichtige Medikamente. Berühmte Opfer sind beispielsweise Prince (Fentanyl), Heath Ledger und Asap Yams (beide Medikamentencocktail aus Opioiden und Benzodiazepinen). Lil Peep wurden wohl mit Fentanyl gestreckte Xanax-Tabletten zum Verhängnis.

Doch wie kam es zu diesen epidemieähnlichen Zuständen, die hauptsächlich die weiße amerikanische Bevölkerung treffen? In den 90er-Jahren fing eine regelrechte Verschreibungswelle unter amerikanischen Ärzten ihren Anfang. Opioide wurden als Wundermittel gegen jegliche chronische Schmerzen gesehen und sogar im Jahr 2016 wurden noch mehr als 289 Millionen Rezepte für opioidhaltige Medikamente geschrieben. Aufgrund von zu langer Einnahme, sowie mangelnder Nachbehandlung und Abgewöhnung führte das zur massenhaften Entwicklung von Abhängigkeiten bei Patienten. Wer es sich leisten konnte, besorgte sich nach der Therapie weiter die Medikamente, weniger gut situierte griffen zum billigeren Heroin.

Gerade die amerikanische HipHop-Szene scheint einen gestörten Umgang mit Opioiden zu haben und macht Percocet, Codein und co. durch ihre Verherrlichung zu so etwas wie Modedrogen. Textzeilen wie „Percocet, Molly, Percocet“ (Future – Mask Off) oder „Pop a Perky (Percocet) just to start up, Pop two cups of purple (Codein) just to warm up“ (Migos – Slippery) sind nur zwei Zeilen eines Mainstream-Genres, das momentan aus den Charts nicht wegzudenken ist. Klar, Kunst ist Kunst und darf nicht zensiert werden. Der Rap-Szene die Schuld für die Epidemie in die Schuhe zu schieben, wäre schlichtweg zu einfach und falsch. Und doch zeigen die Beispiele die Perversität des ganzen Problems auf. Während so viele Amerikaner wie nie am Konsum dieser Substanzen ihr Leben lassen, wird einem vermittelt, dass Opioide neben schönen Frauen und Goldringen nun mal zu einem guten und erfolgreichen Leben dazu gehören.

Auch Lil Peep machte aus seinem regelmäßigen Konsum kein Geheimnis. In den Tagen vor seinem Tod postete er auf Instagram unter anderem Videos, wie er sich Tabletten wie Smarties in den Mund fallen lässt oder merklich sediert behauptet, sechs Xanax geschluckt zu haben. In oben genanntem Interview gibt er auch zu, dass er schon einige Male aufgrund einer Überdosis fast gestorben wäre.

Åhrs Manager twitterte nach dem Tod: „I’ve been expecting this call for a year“. Doch warum wurde ihm dann nicht früher geholfen?

Bereits in seiner Jugend litt der Musiker unter starken Depressionen und auch in seinen Texten dreht es sich hauptsächlich um Tod, suizidale Gedanken und die Behandlung dieser Probleme mit den Pillen. Im Interview darauf angesprochen, gibt er zu, dass Xanax ihn durch schwere Zeiten bringt, ohne sich selbst etwas anzutun. Die New York Times verglich den Künstler mit Kurt Cobain, nicht zuletzt wegen der Art, mit Depressionen umzugehen. Ähnlich wie beim ehemaligen Nirvana-Frontmann lebte sein musikalischer Output von inneren Kämpfen und machte dessen Einzigartigkeit aus, dementsprechend hatte die Musikindustrie auch kein großes Interesse daran, diese essentielle emotionale Komponente durch effektive Behandlung psychischer Störungen aus den Songs zu nehmen. Sein Bruder behauptet, es sei ein Unfall gewesen und Gustav Åhr wäre zufrieden gewesen, wo er mit seinem Leben stand. Solange nichts anderes feststeht sollten wir das auf keinen Fall bestreiten und doch wäre es womöglich nicht zu dem vorzeitigen Tod gekommen, hätte man sich frühzeitig um seinen mentalen Zustand gekümmert. Das wirft die Frage auf, inwiefern das Business für seine Stars verantwortlich sein sollte und zu welchem Zeitpunkt man das musikalische Schaffen lieber dem Menschenleben opfert.

 

Im Nachhinein lassen sich aus dem tragischen Ereignis recht einfach einige Rückschlüsse auf ein verwahrlostes Gesundheitssystem und ein profitorientiertes Musikbusiness ziehen.  Doch letztendlich hilft auch die ausführlichste Analyse und das Suchen nach Gründen in diesen Fall nichts mehr: Mit Lil Peep hat die Musik- und Modekultur einen großartigen Künstler verloren und wird einiges an seiner Kreativität missen.

Text: Benedikt Broda

Foto: wecarealotpr.com

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