Kultur Theater

Wer hat‘s erfunden …?

Neben Ricola, Alphörnern und Goldanlagen, sind die Schweizer besonders stolz auf Ihren Nationalhelden Wilhelm Tell. Die Unabhängigkeit der Eidgenossen gründet auf der Geschichte um den Freiheitskämpfer Tell und seinem legendären Apfelschuss vom Kopf seines Sohnes. Verpackt und präsentiert in einem Dauerfeuer von 5-hebigen Jamben und Blankversen, spielt Schiller nicht nur eine Hommage an den Schweizer Nationalmythos, sondern gibt ihn überhaupt erst ein Gesicht. Anlässlich der 19. Internationalen Schillertage ließ es sich das Theater Basel in Kooperation mit dem Schauspiel Köln nehmen, dem Mannheimer Publikum ihre Version des Stücks zu präsentieren.   

Wer mit den Werken Friedrich Schiller vertraut ist, der weiß woran man bei einer seiner Figuren ist. Brilliant durchtriebene Superschurken und moralisch defragmentierte Helden liefern sich stets Wortgefechte, die sich kein Debattierclub erträumen könnte. Wilhelm Tell ist dabei jedoch das wohl krasseste Gegenbild in Schillers Welt. Und so wird er auch an diesen Abend im Opernsaal des Mannheimer Nationaltheaters an diesen Abend durch den Schauspieler Bruno Cathomas in Szene gesetzt. Dick ist er, dass eine Latzhose seinen Ranzen in Zaum halten muss. Mit einem Bart, der wohl noch nie einen Kamm gesehen hat. Eine Armbrust ist sein ständiger Begleiter und ist es ihm zu Hause alles zu viel, so geht er in die Stadt um mal wieder Druck ab zu lassen. Kurz gesagt: ein Schweizer-Bauern-Prolet. Und so einen wollen die Schweizer als Nationalhelden feiern?! Und noch viel verstörender wirkt die Vorstellung, dass ein solcher Charakter die glorreiche Hauptfigur Schillers werden konnte. Der Dichter, der das klassizistische Theater wie kein anderer zu meistern wusste.

Aber ja, es funktioniert, geht auf und sogar mehr: es überzeugt. Und dies beweist auf eindrucksvolle Weise auch die Inszenierung unter der Leitung Stefan Bachmanns. Das Bühnenbild besteht aus einer Holzwand, in die ein Kreuz eingelassen ist, indem die Schauspieler vertikal gerade noch aufrecht sitzen können und sich horizontal immer wieder hochkämpfen müssen. Der Kampf zwischen den unterdrückten Schweizer Eidgenossen und den herrschenden Habsburgern spiegelt sich dabei in den Bühnenpositionen der jeweiligen Gruppen ab. Unterdrückt, wie sie sind, zwingen sich die Eidgenossen in die engen vertikalen Furchen und zornig wie sie sind, kämpfen sie sich horizontal den Weg zur Freiheit. Die Adligen agieren meist im Vordergrund und richten dichtend über den Pöbel. Beindruckend, wie simpel sich zwei Welten auf einer Bühne gegenüberstellen lassen. Und beängstigend die Kraft, wenn sie aufeinanderprallen. Gierig zwängt sich der Landvogt Gessler am Brettergerüst nach oben, um Wilhelm Tell zum verhängnisvollen Apfelschuss zu drängen.

Jener berühmte Apfelschuss, der die Grausamkeit und Willkür der Herrschenden symbolisiert, der sich Tell und seine Eidgenossen ausgesetzt fühlen. Denn das dämonische Spiel das Gessler mit Tell treibt, ist der Höhepunkt des Stücks.  Nun kniet er da, mit gespannter Armbrust, zitternd wankend zögert er und das Publikum fiebert mit. Plötzlich tauchen alle Eidgenossen auf um den Vogt zu beschwichtigen und um ihn zu beruhigen, doch es ist zu spät. Der Entschluss des Vogts steht unerschütterlich. Und während das Publikum schon ganz im Bann der heißen Beschwichtigungen gesogen ist, geht ein RUMMMS durch den Opernsaal. Tell hat auf seinem eigenen Sohn geschossen. Er hat den Apfel getroffen. Dennoch führt ihn das Schicksal ins Verließ. Denn er zog noch einen zweiten Pfeil. Bestimmt für den Vogt, falls er seinen Sohn getroffen hätte, wie er diesen im Nachhinein wissen lässt

Nach dieser Peripetie nimmt das Schicksal seinen Lauf. Tell entkommt aus der Gefangenschaft und hat nur noch einen Gedanken: Vergeltung. Vergeltung für den Witz Gesslers, der kein Witz war, sondern ein perverses Spiel auf seine Kosten. Und so fliegt die Leichtigkeit von Tell und da steht er: der Schweizer Nationalheld! Grimmig steht ihm der Entschluss ins Gesicht geschrieben. Keine Spur von dem einst fröhlich unbeschwerten Schweizer Bauern. Was da auf der Bühne steht ist bereit zu töten. Aber nicht des Mordens willen, sondern weil der Tyrannenmord sein biblisches Recht ist. „Mach´ deine Rechnung mit dem Himmel Vogt, fort musst du, deine Uhr ist abgelaufen“. Er ist in diesem Moment kein Bauern-Prolet mehr, er ist ein Eidgenosse. Das Stück begründet den Nationalmythos, weil eben nicht Tell der Protagonist ist, sondern der Schwur der Eidgenossen. Der Schwur „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern. In keiner Not uns trennen und Gefahr“. Zur Behauptung gegenüber der Unterdrückung und der unberechenbaren Tyrannei der Habsburger.

Neben packenden Plot und akrobatischer Höchstleistung war der eigentliche Held des Abends der Tontechniker. Durch tief dröhnende Basstöne und rhythmische Trommelklänge wird die Jambus-Metrik des Schauspiels spielerisch leicht umgesetzt. An der vertikalen Kreuzachse sitzen die Eidgenossen im Schneidersitz mit starren Blick gerade aus und passen ihre Verse der Musik an. Der legendären Rütli-Eid den sie schwören, klingt wie der bedrohliche Gesang eines Urvolkes vor der Schlacht. Und die Schweizer wirken wie Häuptlinge die ihren Stamm ein letztes Mal zu großen Taten führen. Mehr als berechtigt stand somit auch der Tontechniker Singoh Nketia am Ende auf der Bühne um sich seinen Applaus abzuholen.

Die meist düstere Stimmung, die erst mit dem Happy End richtig verfliegt, wird immer wider durch dezente Homoerotik aufgelockert. Die Frauen werden hier konsequent von Männern gespielt und so hat die edle Dame Berta von Bruneck schnell einmal Hände, die mühelos den dicken Bauch Tells umfassen könnten. Und Tells eigene Familie bestehend aus einer Ehefrau in der Optik einer schlecht rasierten Transe auf Methadon und einem nackten Götterjüngling in Lederhose. Ein recht bizarres Bild, das aber gekonnt und stilbewusst die Stimmung enthemmt.

Wilhelm Tell war definitiv ein Highlight der 19ten internationalen Schillertage. Auch wenn Schiller nie in der Schweiz war und das Bühnenbild so viel Ähnlichkeit mit den Schweizer Alpen hatte, wie Schwyzerdütsch mit klassizistischem Theater, dürfte dieses Stück den Nationalstolz der Eidgenossen erneut untermauert haben. Denn Schillers Schauspiel erörtert nicht die Frage: „Was kommt nach der Freiheit?“, sondern es erfindet die Freiheit (jedenfalls für die Schweizer).

Text: Joe Brandes, Bilder: (C) Simon Hallström

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