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Wohlfühlatmosphäre mit Benjamin von Stuckrad-Barre im Karlstorbahnhof

Winkend und mit einem großen Lächeln auf dem Gesicht springt Benjamin von Stuckrad-Barre bei seiner Lesung am vergangenen Montagabend im Heidelberger Karlstorbahnhof auf die Bühne. Mit schneller Geschwindigkeit dreht er zur eingespielten Musik der „Pet Shop Boys“ eine kleine Runde um den Lesetisch, setzt sich, legt die Jacke ab, richtet das Mikrofon auf sich aus und trinkt einen Schluck Wasser, später wird er sich mit lockerer Handbewegung eine Zigarette anzünden. Die Musik verstummt. Er schlägt das Buch auf.

„Panikherz“, so heißt sein über 500 Seiten schwerer Roman, aus dem er an diesem Abend viele Geschichten lesen und kleine Anekdoten dazu erzählen wird. Das Buch ist gewissermaßen sein Lebenswerk und beschreibt die prägendsten Momente in seiner Biografie. Die, in denen er in rasanter Geschwindigkeit der Öffentlichkeit bekannt wurde, seinen Debütroman „Soloalbum” innerhalb von drei Wochen schrieb, damit zu einem der gefeierten Popliteraten in Deutschland wurde, die Möglichkeit bekam die Idole seiner Jugend zu treffen, sie zu interviewen und mit ihnen zu feiern. Aber auch die Momente, in denen er fast am Ende war, drogensüchtig wurde, an Bulimie erkrankte, sein Leben nicht mehr im Griff hatte, sich zurückzog und ganz seinen Süchten hingab.
Für beide Facetten dieses Lebens findet Stuckrad-Barre in seinem Buch genau die richtigen Worte und schildert auch die Schattenseiten in einer ehrlichen Klarheit. In den Beschreibungen seiner Drogensucht ist der Autor schonungslos mit sich selbst, zeigt sich von einer ganz anderen Seite, als die, die man von ihm aus der Öffentlichkeit kennt. Keine Verherrlichung. Kein Mitleid.
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So changieren die Texte in „Panikherz“ zwischen Humor und Tragik, zwischen pointierten Beschreibungen des Alltagslebens und exakten körperlichen Schilderungen von Drogenexzessen. Beide Seiten interpretiert Stuckrad-Barre bei seiner Lesung auf eine intensive Art und Weise. An einigen Stellen ergänzt er den Originaltext durch neue Zitate und Beobachtungen, was für viele Lacher im Publikum sorgt.
Zwischen den verschiedenen Ausschnitten aus dem Buch erzählt Stuckrad-Barre launige Geschichten aus seinem aktuellen Leben. In kurzen Monologen witzelt er darüber, wie Journalisten seine vergangenen Leseauftritte rezensiert hatten – „hektisch rauchend“ -, erklärt süffisant, dass er durch einen Fotografen erfahren habe, dass er im Halbprofil am besten aussehe, berichtet von seinen Erfahrungen als Vater in Berlin und von besonderen Erlebnissen mit seinem Freund Udo Lindenberg. Zwischendurch erkundigt er sich beim Publikum, wie spät es ist. Ein kurzer Schluck aus dem Glas und weiter im Text.
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Stuckrad-Barre strahlt während des gesamten Abends eine angenehme Wohlfühlatmosphäre aus, in der es auch okay sei, wenn man mal kurz aufstehe und auf die Toilette gehe. Diese Stimmung überträgt sich auf das Publikum. Und so weckt, schon gegen Ende des Abends, ein Zwischenruf aus der ersten Reihe seine Aufmerksamkeit. Gerade hatte Stuckrad-Barre sich darüber lustig gemacht, dass das Buch des Dalai-Lama vor ihm in der Bestsellerliste für Sachbücher stehe und sich gefragt, wie dieser überhaupt zunehme, wenn er nur vegetarisch esse.
Ein Zuschauer unterbricht ihn dabei mit der Information, dass der Dalai-Lama tatsächlich auch Fleisch essen würde. Das wüsste er, weil er mal im First-Class Center der Lufthansa gearbeitet hat. Stuckrad-Barre springt begeistert von seinem Stuhl auf und setzt sich an den Bühnenrand, um sich mit dem, durch das angeschaltete Saallicht, sichtlich eingeschüchterten Mann interessiert über den Fleischkonsum des geistlichen Oberhaupts der Tibeter zu unterhalten. Gulasch esse er wohl gerne.
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Es sind diese speziellen Momente, in denen Benjamin von Stuckrad-Barre Reaktionen des Publikums und Details um sich herum auffängt, sie weiterspinnt, darüber laut sinniert und in den Dialog mit den Zuhörern tritt, die den Leseabend besonders und gelungen machen.
Den Zugabenprozess spart er sich gleich komplett, liest einfach noch so einen kurzen Text und verlässt unter Applaus die Bühne, nachdem er sich noch einmal sehr herzlich und persönlich für die Treue seines Publikums bedankt hatte. Unkonventionell und ehrlich. So ist die Geschichte, die Benjamin Stuckrad-Barre in „Panikherz“ erzählt und so endet auch dieser stimmige Leseabend in Heidelberg.

Text und Fotos: Matthias Mohler

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