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Zum Leichenschmaus im EinTanzHaus

Wie gehen wir mit dem Tod von Angehörigen und wichtigen Menschen in unserem Umfeld um? Wie wichtig sind für uns Rituale, um in unserer Trauer halt zu finden? Und kann der moderne Mensch überhaupt noch trauern?

Das Sprechen über das Streben ist für viele ein Thema über das eher selten gesp

Die beiden Professoren (Mitte) schnibbeln die Kräuter klein, während sie die Fragen der Modertoren (Außen) beantworten.

rochen wird und wenn, dann mit aller Ernsthaftigkeit und Ehrfurcht. Bei „A Cooking Show from Art to Death“ soll genau dieses Verkrampfte mal aufgelockert werden, in dem gemeinsam gekocht, gegessen und ganz viel geredet wird. Unter dem Motto Religion lud das Perfomacekollektiv “Ongoing Project” die Professorin für Religionswissenschaft an der Uni Heidelberg Inken Prohl und den Theologie Professor Kristian Fechtner an der Uni Mainz ein, um nicht etwa Vorträge zu halten, sondern einen Leichenschmaus herzurichten. Die Location hätte für das Thema Religion nicht besser gewählt worden können, als die ehemalige Dreiklangkirche, in dem seit diesem Sommer das EinTanzHaus seine Veranstaltungen austrägt.

Das Gericht des Abends: eine Neun-Kräuter-Suppe. Ein klassisches Gericht zum Gründonnerstag, wie die beiden Moderatoren von Ongoing Project erklärten. Ganz im Sinne des Mittagsprogramm im Öffentlich-

Die Neun-Kräuter-Suppe mit der gedeckten Tafel im Hintergrund.

Rechtlichen kochten die beiden Professoren vor den Augen des Publikums. Völlig in weiß gekleidet sitzen die beiden Moderatoren an den jeweiligen Enden der Kochzeile und stellen ihre Fragen an die Experten. Dabei waren die Antworten der beiden Akademiker weniger wissenschaftlich, als vielmehr aus dem persönlichen Leben gegriffen. Die lebensfrohe Religionsprofessorin Inken Prohl beschäftigt sich viel mit fernöstlichen Religionen und verbrachte längere Zeit in Japan. Sie erzählte von ihren Erfarungen mit dem Tod in anderen Kulturen. Ganz besonders hätte sie der Leichenschmaus beeindruckt, bei dem der Tote aufgebahrt im Raum anwesend war und es sich tatsächlich so anfühlte, als würde der Verstorbene beim Essen noch anwesend sein. Die Fragen der Moderatoren zielten vor allem darauf ab, wie wichtig Rituale für uns Menschen seien, um mit der Trauer umzugehen und wie sich diese Rituale in den letzten Jahrzehnten verändert hätten.

Weitere Gastbeiträge von Vertretern des Judentums, Hinduismus und der Griechisch-Orthodoxen Kirche zeigten weitere Perspektiven auf. Auch Andreas Adam (Betriebsleiter Friedhöfe Mannheim) war anwesend und bemerkte einen traurigen Trend in den letzten Jahren. Bei jeder zehnten Beerdigung findet sich niemand, der den Verstorbenen beisetzt. Das müssen dann die Kommune übernehmen. Und ein weiterer Trend sei zu beobachten. So etwas wie eine klassische Bestattung wird kaum noch angefragt. Die Nachfrage für eine individuelle Bestattung, ob Feuer-, Erd-, Baum-, Diamantbestattung, etc. wird immer größer. Ein Trend, den auch die beiden Professoren in ihrer Forschung bemerken. Gerade die jungen Leute wenden sich bewusst von den klassischen Ritualen ab und versuchen auf neuen Wegen ihre Trauer zu bewältigen. Eine Plattform zur Trauerbewältigung sei da sicherlich das Internet. Gerade Theologe Kristian Fechtner sieht hier die Kirchen auch noch zu selten ausreichend vertreten.

Nach fast 90 Minuten Gespräch und Diskussion löst sich die Studiosituation auf und das Publikum wird gebeten an der gedeckten Tafel Platz zu nehmen. Trotz der bedenklichen Menge an Butter, die während des Abends in dem Kochtopf landete, schmeckt die Suppe und noch viel reichhaltiger sind die Gespräche während des gemeinsamen Essens. Unbefangen wird mit bisher völlig Fremden über ein so intimes Thema wie dem eigenen Tod gesprochen. Auch wenn sich die Themen mit der Zeit ein wenig verschieben, sitzen die Leute auch noch knapp nach einer Stunde beisammen und plaudern über dies und jenes bis die ersten aufbrechen und sich die Tafel langsam leert.

Mit der Veranstaltungsreihe Endlich – Über das Sterben in der Gegenwart gehen die Mannheimer Kulturinstitutionen EinTanzHaus und zeitraumexit diesen sensiblen Fragen nach dem Streben nach. Die Veranstaltung „A Cooking Show“ wurde von dem Perfomancekollektiv Ongoing Project konzipiert und findet noch einmal am Freitag, den 26. Oktober bei zeitraumexit (Hafenstraße 68, 68159 Mannheim) unter dem Thema „SÄKULARITÄT“ statt.

Zu Gast:  Josefine Lammer (Leiterin des ambulanten ökumenischen Kinder- und Jugendhospizdienst CLARA, Mannheim) & Hannes Benedetto Pircher (Trauerredner, Schauspieler und Autor)

Sidekicks: Axel Hahn (Bestatter), Dominique Stöhr-Schmidt (Öffentlichkeitsarbeit Friedhöfe Mannheim), Matthias Haas (Friedhöfe Mannheim)

Kollektiv Ongoing Project: https://www.facebook.com/OngoingProjectKollektiv/?ref=bookmarks

Text: Joe Brandes

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