Das Patriarchat ist ’ne gefährliche Bitch“ – mit dieser provokanten Songzeile eröffnet das Theaterstück Slippery Slopevon Yael Ronen und Shlomi Shaban, inszeniert von Anaïs Durandt-Mauptit. Das Stück scheut gesellschaftliche Debatten nicht, sondern stellt seine Figuren mitten in deren Brennpunkt. Slippery Slope ist eine energiegeladene, kluge und spielerisch bunte Produktion, die mit Kostümfarben, pointierten Musiknummern und viel Humor begeistert – auch wenn es sich offiziell „nur fast“ ein Musical nennt.
Das Satire-Musical wurde 2021 am Berliner Gorki Theater uraufgeführt und findet sich nun auf der Bühne des Alten Kino Franklin wieder. Erstmals auch mit deutschem Gesang. Unterstützt werden die Schauspielerinnnen und Schauspieler durch zwei Musikerinnen, die das Musical zum Leben erwecken. Das Stück folgt dem ehemaligen Star Gustav Gundesson, der nach einem Skandal sein Comeback plant und erzählt, wie es zu seinem Aufstieg und Fall kam. Dabei stehen auch die vier anderen Figuren im Mittelpunkt und berichten aus ihrer Perspektive.
Mit Slippery Slope bringt das Nationaltheater ein Stück auf die Bühne, das den Nerv der Zeit trifft und gleichzeitig zu provozieren weiß. Komponiert von Shlomi Shaban, thematisiert die Komödie spielerisch komplexe gesellschaftliche Probleme. Die Genres sind dabei vielseitig, Slippery Slope hält sich nicht an nur ein bestimmtes Programm. Ebenso vielseitig sind die Kostüme, die geschickt die Eigenschaften der Figuren untermalen. So trägt die Frau von Gustav, die nur ihren Karriereerfolg im Kopf hat, einen ausgefallenen Anzug und Krawatte sowie steif toupierte Haare. Durch die Kostüme und Frisuren, die sich den Gesetzen der Physik widersetzen, werden ganz individuelle und zum Teil schrille Silhouetten gezeichnet, die den komödiantischen und satirischen Aspekt des Musicals betonen. Auch für den einen oder anderen dramatischen Effekt ist sich die Komödie nicht zu schade und setzt in einer Szene auf Regen, der auf Schauspielerin Shirin Ali herunterprasselt. Was als unterhaltsame Show beginnt, entfaltet sich schnell zu einem vielschichtigen Kommentar über die Widersprüche unserer Zeit.
Slippery Slope greift viele aktuelle Themen auf. Es geht um Internet-Fame, Cancel-Culture, Rassismus, Manipulation, Machtmissbrauch sowie Täterschutz. Dabei hält es dem Publikum den Spiegel vor. “Die Figuren geben einem die Möglichkeit, privater und persönlicher an diese Debatten heranzutreten”, sagt Hilke Fomferra, die für Bühne und Kostüm bei der Inszenierung zuständig ist. Denn die Figuren verharren nicht als starre Bilder, sind nicht gut, nicht böse, sondern menschlich. „Man soll kein Feindbild auf der Bühne sehen, sondern sich selbst“, verrät die musikalische Leiterin Sophia Günst. Dabei spielt das Stück bewusst mit Erwartungen, ohne klare Gewinner oder moralischen Sieger. „Jede Figur hat die Chance, geliebt zu werden, bevor sie ausrutscht“, erklärt die Regisseurin Anaïs Durand-Mauptit, “Niemand ist im Recht in diesem Stück”. Mit dem Mix an Themen, Farben und Musik soll etwas für alle angeboten werden, ein gewisses “Potpourris” an allem, so Fomferra. Seit seiner Uraufführung vor 4 Jahren hat Slippery Slope nichts an Relevanz verloren – im Gegenteil. „Es sind mehr Debatten dazugekommen, die sich nun in den Vordergrund geschoben haben, aber ich habe nicht das Gefühl, dass diese Debatten schon geklärt sind”, sagt Fomferra.
Der Fokus bleibt nie so ganz auf einer Figur oder einer Debatte, sondern scheint sich konstant zu wandeln, so bunt wie die Kostüme ist auch der Strauß an unterschiedlichen Themen. Yael Ronens Stücke sind bekannt für scharfe Ironie, politische Themen und Selbstreflexion. Mit dem israelischen Musiker Shlomi Shaban hat sie bereits mehrfach zusammengearbeitet. Slippery Slope ist kein Musical für einen gemütlichen Theaterabend. Es ist ein Stück, das herausfordert, irritiert und mitreißt. Es macht viele Themen auf, hat keine Angst vor großen Worten und vielen Stilmitteln. Ein Stück mit Haltung, das die Zuschauer*innen in Gedanken mit nach Hause begleitet und zu Gesprächen ermutigt. Gleichzeitig hinterlässt das Stück durch sein offenes Ende einige brennende Fragen: Was wird mit Gustav passieren und was mit Sky? Und welchen Weg werden die anderen Figuren gehen? Haben sie aus ihren Fehlern gelernt und ultimativ die Frage: Wer hat Schuld? Diese Fragen werden durch das Stück geöffnet, doch nicht auserzählt. Die Antwort darauf ist jedem selbst überlassen.
Slippery Slope von Yael Ronen und Shlomi Shaban ist bis zum 31.12.2025 im Alten Kino Franklin zu sehen.