Ein Leben in Bewegung – Reiner Roon und die Neugier auf das Jetzt

Vielleicht hat sich schon der eine oder andere junge Mensch gefragt, wie Rentner eigentlich ihren Alltag gestalten. Viele denken dabei sofort an die klassischen „Rentnerhobbys“ wie Gärtnern, Briefmarken sammeln oder auf die Enkelkinder aufpassen. Manch ein Rentner verbringt seinen Tag jedoch überraschend ähnlich wie Studierende: Er besucht Vorlesungen und Seminare – und trinkt danach noch gemeinsam mit anderen einen Kaffee. Doch wie erleben Gasthörende eigentlich ihr Studium? Und wie sehr unterscheiden sie sich von den regulären Studierenden? Sind sich beide Gruppen in ihrer Lernerfahrung und Denkweise vielleicht sogar ähnlicher, als man zunächst vermuten würde? Diesen Fragen gehen wir in unserer Porträtreihe über Gasthörern auf den Grund.

Reiner Roon hat als Opern- und Operettensänger in seinem Leben bereits an vielen Orten gelebt und gearbeitet. Nachdem er in Krefeld, Dresden, Regensburg, Zürich und Wien gelebt hat, verschlug ihn vor etwa fünfzehn Jahren die Liebe nach Schwetzingen.

Reiner Roon hatte nie vor, tatenlos in den Ruhestand zu gehen. Sein ehrenamtliches Engagement als Bewährungshelfer weckte früh sein Interesse an juristischen Zusammenhängen. Als er vor 14 Jahren beim Tag der offenen Tür das Mannheimer Schloss besuchte, stieß er eher zufällig auf den Infostand der Universität – und fasste kurzerhand den Entschluss, sich als Gasthörer einzuschreiben.

Seitdem ist der Campus für ihn ein fester Bestandteil des Alltags. „Durch die Vorlesungen bekommt der Tag mehr Struktur – und man lernt ja sowieso nie aus“, sagt er schmunzelnd. In den vergangenen Jahren hat er sich quer durch die Fakultäten gehört: Soziologie, Psychologie, Geschichte oder Jura – nichts war vor seiner Neugier sicher. Besonders faszinieren ihn das Straf- und Polizeirecht.

Welche Veranstaltungen er besucht, entscheidet Reiner Roon rein nach Interesse. Wichtig ist ihm dabei nicht nur das Thema selbst, sondern auch die Art der Vermittlung. Denn: „Man muss einfach anfangen. Schließlich lernt man nie aus.“ Genau dieser spielerische, aber aufrichtige Zugang zum Wissen treibt ihn an. Er liebt die lebendige Atmosphäre auf dem Campus, den Trubel in den Fluren, das Lachen vor dem Hörsaal.

Besonders gerne besucht er Vorlesungen gemeinsam mit Christian, einem weiteren Gasthörer – zu zweit macht das Lernen eben noch mehr Freude. Man trifft sich auch mal auf einen Kaffee, isst in der Mensa oder sitzt im EO-Café – genau wie viele reguläre Studierende auch. Diese Begegnungen lösen bei ihm oft Erinnerungen aus: an sein erstes Studium in den 1960ern in Lübeck. Natürlich war damals vieles anders – inhaltlich, strukturell, gesellschaftlich. Heute sind nicht nur die Themen neu für ihn, auch die Studiengänge und Abschlüsse haben sich verändert.

Trotzdem: Für Reiner Roon ist das Zweitstudium ein großes Geschenk. Er schätzt besonders den Austausch – sowohl mit den Lehrenden als auch mit den jüngeren Studierenden. Zwar beobachtet er, dass viele von ihnen oft von Vorlesung zu Vorlesung eilen und wenig Zeit für Gespräche bleibt, doch er sieht das mit Verständnis. „Man merkt einfach, wie viel heute von ihnen erwartet wird“, sagt er anerkennend.

Gelegentlich ergibt sich ein Dialog in der Mittagspause. Nach seiner Erfahrung gehen dabei meist die Gasthörer zuerst auf die Jüngeren zu – was für ihn selbstverständlich ist. Denn Reiner Roon begegnet allen offen, ohne Vorurteile. Das gängige Bild seiner Generation von der „heutigen Jugend“ teilt er nicht. Im Gegenteil: Er empfindet den Austausch mit ihnen als sehr bereichernd. Er hört zu, lässt andere Perspektiven zu, nimmt Kritik an.

Was ihn auszeichnet, ist seine Leidenschaft – für das Leben, das Lernen, den Dialog. Als ehemaliger Sänger hat er seine Berufung mit Hingabe gelebt. Und genau das rät er auch den Studierenden: „Tut das, wofür ihr brennt – auch wenn es unbequem ist.“ Für ihn gibt es keinen besseren Weg. Und er selbst geht mit gutem Beispiel voran: offen, neugierig und stets bereit, Neues auszuprobieren.

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