Kultur

„Engagement“ – ein Abend mit Katja Riemann beim Literaturfestival lesen.hören

Dicht an dicht sitzen die Zuschauer in der Alten Feuerwache, gespannt auf Katja Riemann. „Engagement“ ist der Titel des Abends. Der Programmzettel „von Katja für das Publikum“ gibt schon etwas mehr Aufschluss über das, was die Zuhörer erwartet. Ein Zusammenspiel aus Literatur, Kurzberichten ihrer Reisen im Zeichen des humanitären Engagements und Musik, die einen durchatmen

Volles Haus am Samstagabend (c) Caterina Kirsten

Volles Haus am Samstagabend (c) Caterina Kirsten

lässt – das verarbeiten, was Katja Riemann mit ihrem Publikum teilt. Katja Riemann liest und erzählt, während Stephan Udri an der Trompete und Konrad Hinsken am Piano für die musikalische Unterstützung zuständig sind.

Dicht an dicht reihen sich in den rund zweieinhalb Stunden auch die Themen. Ursprünglich wollten Roger Willemsen, Schirmherr des 10. Literaturfestivals „lesen.hören“ und Katja Riemann diesen Abend gemeinsam gestalten doch dann kam, wie Riemann sagte „alles anders“. Roger Willemsen erkrankte an Krebs und verstarb am 7. Februar. Es war daher ein großer Abend für und in Gedenken an Roger Willemsen.

Katja Riemann (c) Caterina Kirsten

Katja Riemann (c) Caterina Kirsten

Katja Riemann schafft einen „Herzensabend“, den sie schließlich alleine auf die Beine gestellt hat und an dem bis „zur letzten Sekunde gefeilt wurde“. Ohne plakative Statements oder Parolen ist das Programm politisch, philosophisch, gesellschaftskritisch und vor allem aktuell. Ein Appell an die Menschlichkeit und Menschenrechte. „Wenn Menschen gar nicht wissen, was sie für Rechte haben, wie können Sie diese dann einfordern?“. Katja Riemann spricht voller Respekt und ohne sich oder die Arbeit der Menschen in Szene zu setzen, von der NGO Tostan, die sich im Senegal gegen Genitalverstümmelung von Frauen und mit einem inklusiven Programm für die Aufklärung der Menschenrechte einsetzt. Der Auszug aus „Geboren im Regen“, von Fadumo Korn, in dem diese von ihrer eigenen Verstümmelung berichtet, nimmt die Zuhörer mit. Man empfindet körperlichen Schmerz, Übelkeit, jemand fällt in Ohnmacht. Kurz hält Riemann inne, schaut ob alles in Ordnung ist und fährt dann mit ihrem Programm fort.

Mit dem Lesen von Auszügen aus zeitgenössischen und autobiografischen Geschichten, wie „Gebete für die Vermissten“ von Jennifer Clement, welche von den Frauen der Narco-Kultur erzählt, die sich in Mexico ihr ganzes Leben vor der Verschleppung von Drogenhändlern verstecken und mit dem Bericht über ein Treffen mit „Rückkehrerinnen“ in Moldavien, die es geschafft haben nachdem sie in die Zwangsprostitution verkauft wurden, zu entkommen, deckt Riemann unverhohlen auf, dass diese Probleme aktueller sind denn je. An so vielen Orten auf der Welt. Auf jedem Kontinent und in jeder Gesellschaftsschicht. Unkommentiert liest sie dazwischen einzelne Artikel aus der UN Charta der Menschenrechte. Sie berichtet von abgeschotteten „Institutionen“ für körperlich und geistig behinderte Menschen in Rumänien, die sie besucht hat. Diese Menschen sind der „Welt abhandengekommen“, abseits der Gesellschaft, unsichtbar und nicht existent. Solche „Institution“ gibt es zum Glück heute nicht mehr. Aber klar wird, der Weg zur Freiheit, Sicherheit der Person und dem Recht auf Leben (Artikel 3 der Human rights declaration) ist noch lange nicht geebnet. Der Auszug aus „Erschlagt die Armen“, von Shumona Sinha, die als Dolmetscherin in einer Pariser Asylbehörde arbeitete, bis sie nach der Veröffentlichung ihres Romans, in dem sie die prekäre Situation vor Ort aufzeichnet, entlassen wird, lässt Fragen offen. „Elend“ oder eine „elende Situation“ sind offiziell kein Grund, Asyl zu gewähren. Wo fängt nach unseren Normen Elend an, wo hört es auf? Zuletzt liest Katja Riemann aus „Afghanische Reise“ von Roger Willemsen. „Kino für Frauen“ ereignete sich in Kabul: Ein Kinoabend für Frauen sollte organisiert werden. Das Projekt scheiterte am Ende daran, dass keine Frauen erschienen, sondern nur pöbelnde Männer und Kinder. Riemann zeigt mit ihrem Programm schonungslos, wo auf der Welt Unrecht geschieht, wo man anpacken kann und muss. Wie bereichernd es ist, sich zu all diesen Menschen mit ihren Schicksalen zu begeben, sich auszutauschen, Erfahrung weiterzugeben und zu lernen. Dass man sich nicht der Illusion hingeben darf, dass alles was man „Gutes“ tun will auch wirklich sofort angenommen wird oder werden kann, aber dass man es trotzdem immer wieder machen sollte. Katja Riemann legt dem Publikum zweieinhalb Stunden Realitäten vor. Diese schockieren, nehmen die Zuhörer mit.

Riemann mit ihren beiden Musikern Stephan Udri und  Konrad Hinsken (c) Caterina Kirsten

Hinsken, Udri und Riemann (v.l.) (c) Caterina Kirsten

Die Musikstücke geben Zeit um sich zu sammeln, kurz das Gehörte zu verarbeiten. Anschließend legt Riemann nach. Sie hätte wahrscheinlich die ganze Nacht weitermachen können. Geschichten, Literatur und Arbeit, die erzählenswert sind gibt es genug. Es bleibt tiefer Respekt für ein rundes Programm, diese Frau und es klingt nach die „parole parole parole“: „Engagement“.

Literatur- Empfehlungen des Abends: „Die Krähe“ von Kader Abdolah; „Geboren im großen Regen“ von Fadumo Korn; „Gebete für die Vermissten“ von Jennifer Clement; „Erschlagt die Armen“ von Shumona Sinha; „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ von Hertha Müller, „Afghanische Reise – Kino für Frauen“ von Roger Willemsen.

 

 

Text: Clara Schäper

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