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„Ich seh nur rot“ – Warum es Zeit für das Ende des Menstruationstabus ist

Erdbeerwoche, Tante Rosa, Rote Welle – unzählige Kosewörter machen deutlich, dass das Thema Periode, so natürlich es auch ist, über die Kulturgrenzen hinweg noch immer tabuisiert und nicht öffentlich beim Namen genannt wird. Dabei ist dieses Tabu alles andere als unproblematisch.

Was ist überhaupt ein Tabu?

Das Wort „Tabu“ hat seinen Ursprung in der polynesischen Sprache und leitet sich von „tapua“ ab, das neben „heilig“ und „unheimlich“ auch passenderweise „Menstruation“ bedeutet [1]. Und der Name scheint Programm zu sein, wenn man sich den vermeidenden Umgang der Gesellschaft mit der Menstruation vor Augen führt. Problematisch, wie Ralf Dahrendorf, ein früherer deutscher Soziologe, anmahnt: „Tabus machen unfrei, denn sie beschneiden das elementare Recht, Fragen zu stellen“ [1]. Die Konsequenz: Bis heute halten sich unzählige Mythen, die dafür sorgen, dass das Thema Periode, wenn überhaupt, nur äußerst verhalten angesprochen wird und Menstruierende gesellschaftlich stigmatisiert werden. Historisch folgt dies einer langen Tradition: Bereits in der Frühzeit festigte sich die Überzeugung, dass Menstruationsblut unrein sei. In einigen religiösen Schriften wurden Menstruierende deshalb für die Dauer ihrer Periode per se von der Gemeinschaft ausgeschlossen (Spoiler: In einigen Kulturen gibt es das heute noch!). Während Aristoteles hinter der Blutung eine Fehlfunktion der Frau als Ursache vermutete, durch welche die Frau dem Mann folglich unterlegen sei, wurden der Periode im Römischen Reich vernichtende Wirkungen für Wein und Pflanzen zugeschrieben. Der Mythos um das sogenannte Menstrualgift im Blut und Schweiß Menstruierender sorgte dafür, dass Frauen bis in die 70er-Jahre während ihrer Periodenblutung keine Röntgenaufnahmen auswerten durften – angeblich, weil diese sonst unbrauchbar würden. Und das, obwohl die Theorie des toxischen Menstruationsbluts bereits 1958 empirisch widerlegt wurde. Bis ins 19. Jahrhundert wurde die Periode darüber hinaus als Legitimation dafür herangezogen, Frauen das Hochschulstudium zu verwehren. Man äußerte den Verdacht, dass die kognitive Anstrengung das Menstruationsblut ins Hirn pumpen und im schlimmsten Fall Unfruchtbarkeit hervorrufen könnte.

Menstruationsmythen heute

Wie aktuell Mythen und Stigmata bis heute in der westlichen Gesellschaft sind, die sich gerne als aufgeklärt bezeichnet, zeigen prominente Beispiele wie Donald Trump. 2015 gab dieser als Reaktion auf die kritische Nachfrage der Fox-Moderatorin Meghyn Kelly bezüglich einiger frauenfeindlicher Äußerungen zu Protokoll: „Da tropfte Blut aus ihren Augen, Blut aus ihrer Wo-auch-immer“ [2] und stellte damit die Kompetenz der Moderatorin aufgrund ihres biologischen Geschlechts öffentlich infrage. Dabei gibt es keine empirischen Belege dafür, dass die Periode die Zurechnungsfähigkeit menstruierender Frauen einschränkt. Und auch die NASA erregte 2019 bei der Planung des ersten rein weiblichen Außeneinsatzes an der ISS Aufsehen, als sie eine der Astronautinnen fragte, ob 100 Tampons für eine Woche im All ausreichend seien.

Um ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen, hier ein paar biologische Fakten zur Menstruation: Einmal im Monat baut sich im weiblichen Körper die Schleimhaut der Gebärmutter auf und gleichzeitig reift in den Eierstöcken eine Eizelle heran. Wenn die Eizelle um den Eisprung herum in der Zyklusmitte unbefruchtet bleibt, wird diese zusammen mit der Gebärmutterschleimhaut abgestoßen – voilà die Regelblutung, und los geht der Prozess von Neuem. Kurz gesagt: Ohne den Auf- und Abbau dieser Schleimhaut könnte sich eine befruchtete Eizelle nicht einnisten und die Menschheit sich nicht erfolgreich fortpflanzen. Die Zykluslänge nach Lehrbuch beträgt 28 Tage, allerdings kann sowohl die Zyklusdauer als auch die Dauer der Periodenblutung selbst, durchschnittlich etwa 5 Tage, variieren. Ebenso können die einzelnen Phasen des Zyklus, oft verglichen mit den vier Jahreszeiten der Natur, individuell und unterschiedlich erlebt werden. Und was die Blutmenge betrifft: Durchschnittlich macht die Menge einer Regelblutung etwa den Inhalt einer Espressotasse aus, und benötigt werden bei einem regelmäßigen Wechsel nicht annähernd 100, sondern nur etwa 20-25 Tampons.

Quelle: unsplah/natasha t

Warum wir mehr über den menstruellen Zyklus wissen sollten

Neben allgemeiner Aufklärung in Bezug auf Schwangerschaft, Verhütung und Hygiene für Frauen und Männer hilft das Wissen über den menstruellen Zyklus auch dabei, den weiblichen Körper besser zu verstehen. So deuten Studien darauf hin, dass die sportliche Leistungsfähigkeit kurz vor Einsetzen der Regelblutung beispielsweise am geringsten ist. Die von der Zyklusphase abhängige Höhe der Östrogenkonzentration im Körper kann außerdem die sportliche Aggressivität beeinflussen. Eine Wahrnehmung des eigenen Zyklus ist vor diesem Hintergrund für Menstruierende nicht nur interessant, sondern kann auch zu einer langfristigen Leistungssteigerung durch angepasstes sportliches Training beitragen. Gleichzeitig gilt der menstruelle Zyklus in medizinischen Kreisen nach Herzfrequenz, Atemfrequenz, Blutdruck und Körpertemperatur als fünfter Vitalparameter, der Auskunft über gesundheitliche Störungen und das individuelle Stresslevel geben kann. Trotz aller Individualität der Periode beobachten die meisten Menstruierenden aufgrund der hormonellen Schwankungen oft ähnliche körperliche oder emotionale Veränderungen, die landläufig unter dem Begriff PMS (prämenstruelle Symptome) zusammengefasst werden. Bekannte Symptome wie Reizbarkeit, Niedergeschlagenheit oder Rückenschmerzen tauchen dabei vor allem, wie der Name vermuten lässt, vor der eigentlichen Periode auf – der damit verbundene Ausruf „Sie hat doch ihre Tage“, ist deshalb nicht nur stigmatisierend, sondern zu diesem Zeitpunkt medizinisch nicht unbedingt korrekt [1]. Über dieses immer noch unzureichend erforschte Syndrom hinaus gibt es eine Reihe weiterer ernst zu nehmender Krankheitsbilder, wie die häufig mit depressiven Symptomen verbundene PMDS (prämenstruelle dysphorische Störung) oder Endometriose, bei welcher eine Ansiedelung der Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter sehr starke Schmerzen während der Periode verursachen kann. Noch immer finden diese Beschwerden wenig Einzug in die aktuelle Forschung und bleiben deshalb oft zum Leiden der Betroffenen unentdeckt oder unbehandelbar.

Wollen wir nicht darüber reden, oder ist es gesellschaftlich unerwünscht?

Vor allem Werbung, wie die kürzlich Aufsehen erregende Vermarktung der pinky gloves, suggeriert Menstruierenden, dass Periode „unsichtbar“ und „diskret“ sein soll, und dass mit den richtigen Hygieneprodukten jederzeit ein froher Alltag voller Energie und Tatendrang möglich sei. Doch diese mediale Repräsentation entspricht nicht der Realität. Nicht wenige fühlen sich während „der Tage“ weit entfernt von ihrer persönlichen Höchstform. Die gefestigten gesellschaftlichen Erwartungen an Menstruierende tragen dazu bei, die Periode bestmöglich zu verstecken: Schülerinnen entsorgen Tampons in der Toilette, um sie nicht sichtbar für alle im Mülleimer entsorgen zu müssen, der Kauf von Binden wird zur Peinlichkeit und mit möglichst vielen anderen Produkten auf dem Kassenband kaschiert, Tampons werden in der Öffentlichkeit wie Drogen getauscht und das Fernbleiben von der Party wird mit Kopfschmerzen begründet, um den Begriff „Regelschmerzen“ nicht in den Mund nehmen zu müssen. Hier sei in Bezug auf weitverbreitete Schamgefühle kritisch anzumerken, dass die mit der Periode verknüpften Gefühle entscheidend für das Erleben der Periode und die damit einhergehenden Beschwerden selbst sein können.

Bei dieser Debatte muss klar sein: Keine*r muss sich gezwungen fühlen, offen über die (eigene) Periode zu reden, aber jede*r sollte sich frei dazu fühlen können ohne soziale Ächtung fürchten zu müssen.

Ist das Periodentabu ein politisches Problem?

Franka Frei, die durch ihre Bachelorarbeit zu dem Thema sozusagen Periodenaktivistin über Nacht geworden ist, beschreibt in ihrem Buch ausführlich die globalen Konsequenzen des Menstruationstabus: Während mit Hygieneprodukten trotz einer Mehrwertsteuersenkung von 19 % auf den ermäßigten Steuersatz für Güter des täglichen Grundbedarfs von 7 % nach wie vor in Deutschland gutes Geschäft mit der Menstruation gemacht wird, sind die Hersteller nicht dazu verpflichtet, den Verbraucherinnen Auskunft über die genauen Inhaltsstoffe zu geben. Abgesehen von den möglichen negativen Auswirkungen auf die eigene Gesundheit verursachen Einmalprodukte wie Tampons allein in Deutschland, Österreich und der Schweiz Schätzungen zufolge jährlich etwa 100 000 Tonnen Müll [3]. Hinzu kommt, dass sich viele Menstruierende aufgrund der hohen Kosten benötigte Hygieneartikel und Schmerztabletten nicht leisten können. Hochrechnungen gehen von bis zu 100 000 Menstruierenden aus, die in Deutschland von der sogenannten Periodenarmut betroffen sind [4].

Die Zeit ist reif für Veränderung

„Der erste Schritt, ein Tabu zu brechen, ist, es zu normalisieren“ [5]. Unter diesem Motto fährt der Hygieneprodukthersteller essity die Kampagne „Bloodnormal“, in der unter anderem echtes Blut und Periodenkrämpfe gezeigt werden. Im Netz wird unter Hashtags wie „#periodpositive“ für das Thema Menstruation sensibilisiert und über nachhaltige Hygieneprodukte wie die Menstruationstasse aufgeklärt. Zudem machen zahlreiche Sportler*innen wie die chinesische Schwimmerin Fu Yuanhai auf den Einfluss der Menstruation auf die körperliche Verfassung an Wettkampftagen aufmerksam. Und jüngst Spanien stellt einen Gesetzesentwurf vor, der Menstruierenden eine Freistellung von der Arbeit aufgrund von starken Regelschmerzen ermöglichen soll. Grundsteine für eine gesellschaftliche Veränderungen wurden gelegt, aber es muss insbesondere in Deutschland noch mehr passieren.

Vielleicht kann uns Schottland ein Vorbild sein, wo Periodenprodukte seit 2018 an Schulen und Universitäten und nun auch anderen öffentlichen Orten kostenlos zur Verfügung stehen. Auch die Stadt Trier diskutiert aktuell darüber, auf Schultoiletten neben Toilettenpapier und Seife ebenso selbstverständlich auch Hygieneartikel bereitzustellen. Vielleicht wäre das auch an der Uni Mannheim eine Möglichkeit, Periode sichtbarer zu machen und den Zugang aller zu Hygieneprodukten zu gewährleisten.

Die Scham muss aufhören, schließlich ist die Periode das Natürlichste der Welt. Menstruierende sind keine Minderheit und es sollte im Interesse aller sein, einen offeneren Umgang mit der Menstruation zu finden. In diesem Sinne: Ein Hoch auf die Periode!

Autorin: Julia Schöfthaler

Zitate und Zahlen:

[1] Frei, Franka (2020). Periode ist politisch. Ein Manifest gegen das Menstruationstabu. Heyne-Verlag.

[2] Thomas, Inga Catharina (10.08.2015). Diese Fox-Frau fährt den Republikanern gern über den Mund. Die Welt Online. Abrufbar unter: https://www.welt.de/politik/ausland/article145036491/Diese-Fox-Frau-faehrt-den-Republikanern-gern-ueber-den-Mund.html

[3] Erdbeerwoche GmbH (o. A.). Müllproblem der Periode. Abrufbar unter: https://erdbeerwoche.com/meine-umwelt/muellproblem/

[4] BodyLeaks UG (o. A.). Goodbye Periodenarmut. Spendenaktion. Abrufbar unter: https://www.bodyleaks.de/periodenarmut/

[5] AMV BBDO for Essity (22.06.2018). Bloodnormal. Abrufbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=xr57Tl1Yw2s

Informationsquellen zum Nachlesen:

FOCUS Online (09.01.2017). Chinesische Schwimmerin Fu Yuanhui bricht Tabu und wird weltweit dafür gefeiert. Abrufbar unter: https://www.focus.de/kultur/kino_tv/olympia-2016-chinesische-schwimmerin-fu-yuanhui-bricht-tabu-und-wird-dafuer-weltweit-gefeiert_id_5832675.html

Frei, Franka (2020). Periode ist politisch. Ein Manifest gegen das Menstruationstabu. Heyne-Verlag.

Klein, Martin (27.02.2020). Schottland gibt Binden und Tampons gratis aus. SWR Nachrichten. Abrufbar unter: https://www.swrfernsehen.de/marktcheck/artikel-4170.html

Köppe, Julia (19.10.2019). „Reichen 100 Tampons für eine Woche im All?“. Spiegel Online. Abrufbar unter: https://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/nasa-erster-weiblicher-ausseneinsatz-auf-der-iss-a-1292357.html

Quarks & Co (2020). Darum sollten wir mehr über die Periode sprechen. Abrufbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=SkxZZ8IJAyg

Spiegelhauer, Reinhard (17.05.2022). Keine Arbeit bei Regelschmerzen. Tagesschau Online. Abrufbar unter: https://www.tagesschau.de/ausland/europa/frauen-spanien-menstruationsurlaub-101.html

Stadt Trier (15.06.2021). Abfrage an Schulen steht an. Abrufbar unter: https://www.trier.de/rathaus-buerger-in/aktuelles/rathaus-zeitung/abfrage-an-den-schulen-steht-an/

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