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„It is good to be disagreed on…”– warum wir mehr zuhören und weniger urteilen sollten

Kritische Gedanken zum Meinungsmonopol

Quelle: Pixabay, geralt

Kaum ein anderes Ereignis scheint die Gesellschaft in den letzten Jahren mehr gespalten zu haben als es die seit mehr als einem Jahr andauernde Covid-19-Pandemie tut. Und an kaum einem anderen Thema wird aktuell deutlicher, dass die Freiheit und die Toleranz unterschiedlicher Meinungen in Gefahr sind.

Vor dem Hintergrund der gerade emotional aufgeheizten Debatte geht es nicht um meine persönliche Meinung, dass eine Impfung angesichts der Entwicklungen in den Krankenhäusern und der mittlerweile gut erforschten Impfstoffe verantwortbar sein könnte.

Nein, die folgenden Gedanken beziehen sich auf eine gesellschaftliche Beobachtung, die sich nicht nur anhand der Frage „Impfung, ja oder nein?“ entfaltet, aber hier besonders sichtbar ist: Wir schirmen uns immer mehr ab von Meinungen, die wir nicht als gut und richtig erachten. Wir wollen hören, was wir denken und geben uns mit denen ab, die das gleiche denken – denn das ist gemütlich, egal ob wir uns als „Harmonizer“ bezeichnen würden oder nicht.

Dieses Phänomen ist in der Psychologie unter dem Namen kognitive Dissonanz bekannt: Wenn unsere Überzeugung durch eine widersprüchliche Information ins Wanken gerät, wollen wir diese Spannung durch Belege ausgleichen, die unsere ursprüngliche Überzeugung decken, anstatt unsere Position kritisch zu hinterfragen.[1] Es ist mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass soziale Netzwerke wie Facebook und Instagram dazu einen entscheidenden Beitrag leisten. Anstatt uns bei einer unvoreingenommenen Suche nach Informationen in sämtliche Richtungen zu unterstützen, wird uns im Feed in atemberaubender Frequenz das präsentiert, was unsere Überzeugung stützt. Schließlich verbringen wir, wenn wir uns wohlfühlen und in unserem Selbstbewusstsein gestärkt sind, mehr Zeit auf diesen Plattformen. Besonders stark können solche „Filterblasen“ bei den Anhänger*innen politisch extremer Ansichten oder Verfechter*innen von Verschwörungstheorien wirken, die meist ein recht homogenes Freundes- und Abonnentenspektrum aufweisen.[2] Die Gefahr liegt auf der Hand: verhärtete Ansichten und Überheblichkeit anstelle der Bereitschaft, Meinungsdifferenzen anzuerkennen. Bis zu dem Punkt, dass einstige Familien und Freundesgruppen sich aufgrund von unterschiedlichen Überzeugungen und dem propagierten Wahrheitsanspruch der eigenen Position spalten.

Wir schreien, anstatt zuzuhören; wir verurteilen, anstatt Lösungen zu finden und scheinen kein Verständnis aufbringen zu wollen für die Werte, Fragen und Ängste des Menschen hinter seiner Meinung. Wir distanzieren uns und sind weniger bereit zum Gespräch mit Andersdenkenden. Diese Entwicklung bestätigt eine aktuelle repräsentative Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung. Dieser zufolge nimmt die politische Polarisierung in Deutschland insgesamt zu, was so weit führt, dass viele Deutsche mit Wähler*innen bestimmter Parteien, Klimaaktivist*innen oder SUV-Fahrer*innen nichts zu tun haben möchte.[3]

Besorgniserregend angesichts dessen, dass sich unsere Gesellschaft auf dem Grundgesetz gründet, wo es in Artikel 5 heißt: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“. Das heißt nicht, dass menschenverachtende, den allgemeinen Gesetzen widersprechende Meinungen geduldet werden sollten (siehe Artikel 5 Abs. 2 GG). Es heißt auch nicht, dass wir uns nicht dafür einsetzen sollten, dass weitreichende Behauptungen wissenschaftlich fundiert sind. Ebenso heißt es nicht, dass nicht in Zeiten wie der aktuellen politische Entscheidungen getroffen werden sollten, und diese dabei nicht jedem gefallen. Ich erachte es durchaus als Aufgabe der Politik, in Krisenzeiten Orientierung zu bieten und das Steuer in die Hand zu nehmen, um das Schiff auf Kurs zu halten. Aber ich frage mich, ob es sinnvoll ist, Menschen gemäß ihrer, aktuell vor allem einer einzigen Meinung, von Anfang an in Extremkategorien zu stecken. Denn Einordnungen sind statisch und nicht darauf ausgerichtet, dass sich Meinungen verändern können. Ich frage mich, ob es nur „schwarz“ und „weiß“, „richtig“ und „falsch“ gibt, oder ob es oftmals nicht unzählige Grautöne gibt, unterschiedliche Blickwinkel. Es gibt nicht nur „Impfbefürworter“ und „Verschwörungstheoretiker“ – es gibt viele Menschen dazwischen, die emotional aufgewühlt sind und Fragen haben. Menschen, die Verunsicherung empfinden, die sie ohne Angst um Zensierung ausdrücken sollten.

Ich denke, wir sollten uns als Gesellschaft wieder vermehrt darauf einlassen, einander zuzuhören. Darauf, die eigene Meinung nicht immer für Gold zu nehmen. Argumente in respektvoller Weise gegeneinander abwägen. Ist es sinnvoll, stattdessen den Ton immer lauter zu drehen und zu hoffen, damit alles andere zu übertönen? Überzeugt das die Menschen, die wir mitnehmen wollen? Lösen wir so die Probleme unserer Zeit? Ich glaube nicht. Ich glaube, wir sollten immer wieder bewusst den Raum für die freie Äußerung unterschiedlicher Perspektiven öffnen, um gesellschaftliche Teilhabe zu stärken und so der gesellschaftlichen Spaltung sowie der Entwicklung von Subkulturen entgegenzuwirken. Eine Demokratie muss Spannungen aushalten können. Vielleicht können wir dann voneinander lernen. Vielleicht entwickeln wir durch gegenseitige Wertschätzung wieder ein stärkeres Verantwortungsgefühl füreinander. Ich wünsche mir bereichernde Auseinandersetzungen, an denen wir uns reiben, Fragen tiefer durchdringen und letzten Endes daran wachsen können, individuell und gesellschaftlich.

Und ich denke, damit können wir in unserem Alltag beginnen: Indem wir beispielsweise bewusst auch Accounts auf Instagram folgen, die nicht in allen Punkten unsere Meinung teilen oder uns mit Leuten treffen, deren Perspektiven im ein oder anderen Bereich von unseren abweichen. Und indem uns darauf einlassen, den eigenen Standpunkt zu hinterfragen. Um es abschließend mit Worten aus der Serie Downton Abbey auf den Punkt zu bringen: „It is good to be disagreed on, it keeps you on your toes” – letzten Endes stehen wir alle auf der gleichen Erde und sind unaufhörlich auf der Suche nach dem, was weiterbringt, Irrtum vorbehalten.

Autor: J.S.


[1] Schmidt Jan-Hinrik. (2019) Filterblasen und Algorithmenmacht. Wie sich Menschen im Internet informieren. In: Gorr C., Bauer M. (eds) Gehirne unter Spannung. Springer, Berlin, Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-662-57463-8_2

[2] Ebd.

[3] Zeit online (2021): https://www.zeit.de/politik/deutschland/2021-11/politische-polarisierung-zunahme-studie-gruene-afd-klimaschutz-zuwanderung

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