Vielleicht hat sich schon der eine oder andere junge Mensch gefragt, wie Rentner eigentlich ihren Alltag gestalten. Viele denken dabei sofort an die klassischen „Rentnerhobbys“ wie Gärtnern, Briefmarken sammeln oder auf die Enkelkinder aufpassen. Manch ein Rentner verbringt seinen Tag jedoch überraschend ähnlich wie Studierende: Er besucht Vorlesungen und Seminare – und trinkt danach noch gemeinsam mit anderen einen Kaffee. Doch wie erleben Gasthörende eigentlich ihr Studium? Und wie sehr unterscheiden sie sich von den regulären Studierenden? Sind sich beide Gruppen in ihrer Lernerfahrung und Denkweise vielleicht sogar ähnlicher, als man zunächst vermuten würde? Diesen Fragen gehen wir in unserer Porträtreihe über Gasthörern auf den Grund.
Für Thea Kern war klar, dass sie nach 50 Jahren Arbeit die Rente nicht untätig verbringen kann. Als Geschäftsführerin war sie nicht nur tagsüber beschäftigt, sondern hat häufig noch abends an ihrem Laptop gearbeitet. Daher ist es für sie unvorstellbar, im Ruhestand einfach nichts zu tun.
Ihr Beruf war mehr als ein Job – eine Aufgabe, die sie mit Verantwortung, Energie und Herzblut erfüllt hat. Auch nach ihrer Pensionierung hält sie den Kontakt zu ehemaligen Kolleginnen und Kollegen. Doch der Übergang in den Ruhestand sollte für Thea kein Stillstand werden. Als sie von einem Bekannten hörte, der als Gasthörer an der Universität Heidelberg eingeschrieben war, konnte sie sich das auch für sich gut vorstellen – allerdings nicht in Heidelberg, sondern in Mannheim.
So reifte der Entschluss bereits in den letzten Jahren ihres Arbeitslebens: Im Frühjahr-/Sommersemester 2019 begann Thea ihr Leben als Gasthörerin – mit einer Vorlesung in Gesundheitspsychologie. Ganz offen und pragmatisch sagt sie: „Man lernt nie aus. Und man kann ja einfach mal schauen, wie es ist – selbst wenn man nicht alles gleich versteht.“
Ein klassisches Studium hatte sie nicht absolviert – dafür aber eine Ausbildung gemacht, die ihr half, die eigenen Stärken im praktischen Tun zu entdecken. Und doch hat sie in den letzten sechs Jahren zahlreiche Vorlesungen besucht – nicht nur in Psychologie, sondern auch in Geschichte, Soziologie und Philosophie. Manche Inhalte seien dabei durchaus anspruchsvoll gewesen, erzählt Thea. Umso mehr bewundert sie die Studierenden, die kluge Fragen zu stellen und sich mit komplexen Themen auseinandersetzen.
Als Gasthörerin kann sie Veranstaltungen bei Bedarf einfach nochmal besuchen. Eine Freiheit, die sie zu schätzen weiß – denn regulär Studierende haben diese Option nicht in gleichem Maße. Durch diese Erfahrung hat Thea gelernt, sich besser in ihre jüngeren Kommilitoninnen und Kommilitonen hineinzuversetzen. Früher hätte sie vielleicht vorschnell über Studienabbrüche geurteilt, gibt sie offen zu. Heute hat sie dafür Verständnis – aus Erfahrung.
Generell verteidigt Thea die jüngere Generation, wenn ältere sie kritisieren. An der Universität Mannheim hat sie fast durchweg gute Erfahrungen gemacht: Viele Studierende sind freundlich, grüßen sie, halten ihr die Tür auf, beziehen sie in Gespräche ein. Für sie sind das keine Selbstverständlichkeiten, sondern Zeichen eines respektvollen Miteinanders.
Im Laufe der Zeit hat Thea viele Bekanntschaften geschlossen – besonders mit Sitznachbarn in den Vorlesungen. Nach dem Seminar trifft man sich nicht selten noch auf einen Kaffee oder verabredet sich in der Stadt – ganz wie es auch viele reguläre Studierende tun. Thea fühlt sich am Campus zuhause.
Ihre Begeisterung ist ansteckend: Einige ihrer Bekannten hat sie bereits dazu gebracht, sich ebenfalls als Gasthörer einzuschreiben. Denn für sie steht fest: Sie profitiert enorm von dieser Erfahrung. Sie lernt nicht nur über Themen, die sie interessieren – vor allem psychologische Inhalte haben ihr geholfen, den Menschen besser zu verstehen. Sie fühlt sich ausgeglichener, urteilt weniger vorschnell und sieht viele Dinge mit neuen Augen.
Umso unverständlicher ist es für sie, wenn andere sie fragen, was sie denn „davon habe“. Für Thea liegt die Antwort auf der Hand: Bildung, Begegnung, Beweglichkeit im Denken. Und das ist viel mehr als ein Abschluss auf Papier.