Kultur Theater

“Menschen sind komisch!” – “Homo Faber” am NTM

„Mister Faber- This is our last call!“, schallt es zu Beginn der Vorführung durch den vollbesetzten Saal des Nationaltheaters Mannheim. An diesem Dienstagabend hat sich ein bunt gemischtes Publikum versammelt: Jung und Alt warten gespannt auf die Inszenierung von Max Frischs Roman „Homo Faber“ unter der Leitung von Regisseur Georg Schmiedleitner.

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Bereits zum Auftakt der Inszenierung wird eine erste Besonderheit der Bühneninterpretation von „Homo Faber“ deutlich. Gleich vier Schauspieler verkörpern die Rolle des Protagonisten Walter Faber, der von Beruf Techniker bei der UNESCO und überzeugter Rationalist ist. Als er per Schiff nach Paris zu einer Konferenz aufbricht, kommt sein Leben von seinen sonst eher geregelten Bahnen ab. Dort lernt er Sabeth kennen, eine junge Studentin, die sein Interesse weckt. Faber entscheidet sich entgegen seiner beruflichen Verpflichtungen dafür, Sabeth kurzerhand quer durch Europa zu begleiten. Auf ihrer Reise entwickeln beide nach und nach Gefühle füreinander, ohne sich des Dramas bewusst zu sein, das sich anbahnt. Denn Sabeth ist Fabers Tochter, deren Mutter Hanna sich gerade wegen seiner Reaktion auf ihre Schwangerschaft vor mehr als 20 Jahren von ihm trennte. Die Konfrontation mit seiner Vergangenheit ist für Faber unausweichlich, als Sabeth tödlich verunglückt und er erneut auf Hanna trifft. Er ist plötzlich gezwungen, sich mit seiner eigenen Schuld zu beschäftigen – und droht, daran zu zerbrechen.

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Eines vorweg: Die vierfache Besetzung der Hauptrolle erfordert ein wenig Eingewöhnungszeit. Sollte man mit der Romanvorlage nicht vertraut sein, dürfte man anfangs Schwierigkeiten haben, den Handlungssträngen zu folgen. Schafft man es als Zuschauer jedoch über diese formale Hürde, wird man schnell von der Dynamik der Mannheimer Inszenierung mitgerissen. Tatsächlich wirkt die Romanvorlage durch ihre Berichtform an einigen Stellen träge, fast langatmig. Durch den ständigen Wortwechsel der vier „Homo Faber“ gewinnt die Inszenierung an Fahrt und ist in der Lage, die Spannung auch in der etwas längeren Spielzeit von zwei Stunden ohne Pause aufrecht zu erhalten. Dafür sorgen nicht zuletzt auch die beiden weiblichen Hauptfiguren, die durch ihre ständige Präsenz auf der Bühne den Rahmen für das Geschehen bilden. Besonders das starke Auftreten von Hanna, gespielt von Almut Henkel, demonstriert, wie sehr sich Faber in seiner Annahme irrt, sein Leben als Patriarch autonom zu führen: Er war und ist beeinflusst von starken Frauen, die sich intellektuell mindestens auf Augenhöhe mit ihm befinden.

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Neben den gut aufeinander eingespielten Darstellern ist das Bühnenbild besonders zu erwähnen. Auf wenige Elemente wie ein Hochzeitsschleier oder einige Flaschen Wein reduziert, bieten sie den Zuschauern gute Anhaltspunkte, die zentralen Elemente zu begreifen und das Stück besser aufzufassen. Hier liegt auch die große Stärke der Inszenierung: Die zentralen Aussagen und Problemstellungen rund um die Figur des „Homo Faber“ werden absolut treffend identifiziert und vermittelt. Im Gegensatz zum Roman wird den Zuschauern jedoch gleich ein Zugang zu möglichen Kritikansätzen geboten – was den Berufsmacho Walter Faber um einiges menschlicher und begreifbarer macht.

Text: Julia Bee und Julia Springmann, Fotos: (c)Hans Jörg Michel

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