Kultur

Mit KIZ in der Rummelbumsdisko

KIZ ist neben Rammstein und Heino der wohl umstrittenste Musikact Deutschlands. Lange wurden sie von Musikmagazinen in die unterste Pornorap – Schublade gesteckt, jenseits jedes guten Geschmacks, Provokation auf dem Niveau pubertierender Neukölln Gangster. Dies hat sich in den letzten Monaten jedoch geändert. Auf dem neuen Album „Hurra die Welt geht unter“ klingen die Texte ernster, politischer, fast schon visionär. Es scheint, als ob KIZ (kurz für: Kannibalen in Zivil / Klosterschüler im Zölibat / Karotten Ingwer Zwiebel) erst ihren ironischen Unterton ablegen mussten, bevor auch die Elitezeitungen Deutschlands bemerken konnten, dass alles davor ja eigentlich nur geniale Satire und Überspitzung war.
KIZ gehören zu den Guten! Das war den treuen Fans schon immer klar. Und so reisten sie Dienstagabend kollektiv zur Maimarkthalle an.

In der Linie 6 tönten vermehrt „Hurensohn“ Rufe, das Gefühl von Gemeinschaft ließ einem ganz warm ums Herz werden. Vor dem Konzert ging man sich noch kurz hinterm Baum erleichtern, grüßte die anderen dunklen Gestalten im Busch und stellte sich in die unendlich lange Schlange fröhlich alkoholisierter Fans. Am Eingang leuchteten die roten Fahnen der PARTEI, per Unterschrift konnte man sich der „Hintner Jugend“ anschließen. Den beiden schon etwas in die Jahre gekommenen Jungs von der Vorband, Audio88 & Yassin, schenkte leider niemand wirklich Beachtung, obwohl sie sich extra ihre schicksten Adidas Anzüge angezogen hatten.
kiz in der maimarkthalle
Voller Vorfreude erwartete die Meute ihre vier Propheten, ihre vier Anführer, und diese gestalteten ihren Einmarsch prunkvoll:
Vier überlebensgroße Statuen überschatten die Bühne. Sie zeigen Maxim, Nico, Tarek und DJ Craft in bester Diktatortradition mit Militäruniform in Granitoptik. Gleich zu Beginn regnet es Papiergeld von der Decke, die Fans strecken begeistert die Hände danach aus. KIZ weiß eben, was ihre Fans brauchen. Auch auf ihr Mannheimer Publikum haben sie sich perfekt vorbereitet: „Ey sag mal was Gutes über Mannheim!“ – „Mhm also…ihr habt echt super Zahnärzte!“ tönt es von der Bühne. Ähnlich strukturiert und wohl überlegt sind auch die anderen Überleitungen zwischen den Songs. Zwischendurch lässt sich Nico eine Kippe auf die Bühne reichen, nachdrücklich verlangen die Jungs nach mehr BHs auf der Bühne. Aber es handelt sich ja auch nicht um ein Taylor Swift Konzert, obwohl man das bei den entsetzten Gesichtern der Teenie Girls und Mainstream Fans am Rande der Pogo Kreise fast meinen könnte. Tatsächlich befinden sich im Publikum neben den treuen Fans mit KIZ Shirts und Plastikpenissen auch viele Hipster, blonde „Smartphone Mädels“ und „BWL Studenten“. Die Stimmung leidet besonders unter den letzten beiden Gruppen.
kiz (8 von 8)
Doch KIZ rappt auf Hochtouren und die Bühnenshow begeistert alle: Konfetti, Panzer und eine riesige Vagina, aus der sich ein windeltragender blutverschmierter Maxim zwängt, um direkt nach seiner augenscheinlichen Geburt seinen Eltern mit dem Tod zu drohen: „Ihr habt meine Nabelschnur gekappt / Und mich fallen gelassen in eine kalte Welt / Die Papa selbst doch auch nur mit Alk aushält.“ Den Song „Adolf Hitler“ kündigen sie mit einer kleinen Laudatio über einen „österreichischen Postkartenmaler, der ein bisschen missverstanden wurde“ an. Ganz richtig fragt Maxim danach in die Menge, wieviel Satire eigentlich darf und beantwortet sich die Frage gleich selbst: „Ich habe Helmut Schmidt ausgestopft, ihn in mein Wohnzimmer gestellt und der sagt mir jetzt immer, was okay ist und was nicht.“
KIZ in der Maimarkthalle
Dieses Konzert ist tatsächlich eine Rummelbumsdisko, genau wie es in dem Song „Was würde Manny Marc tun?“ heißt. In den Strophen wird es ernst, die Masse rappt die provokanten Worte über harte Realitäten mit, aber zum Hook pogen alle wieder. „Rummelbums-Disko / lasst uns treffen /
Null Problemo / alles vergessen.“
Nur ganz am Ende wird es emotional: KIZ singen ihren Klassiker „Hurensohn“ in „We are the World“ – Melodie und Tarek bringt mit seiner Soul-Stimme Leidenschaft in die Hymne. Die Fans sind gerührt, sie singen noch nachdem KIZ schon längst von der Bühne verschwunden ist. Man könnte meinen, dass so mancher ein Tränchen in den Augen hat.

Text und Fotos: Louise Kaufmann

kiz in der maimarkthalle

kiz in der maimarkthalle

kiz in der maimarkthalle

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