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Morbus Mediterraneus – wenn medizinisches Personal verdeckt rassistisch ist

Wissenschaftlich fundierte Diagnose oder Mythos? Berechtigte Befürchtung oder Arroganz?

Bei meiner Tätigkeit als Rettungssanitäterin kann ich mich an einen Dienst erinnern, bei dem ein Kollege sich sarkastisch über die gesundheitlichen Beschwerden eines türkischstämmigen Patienten geäußert hat. Lachend stellte er seine Verdachtsdiagnose fest:

Morbus Mediterraneus.

Im ersten Moment war ich überzeugt, dass es sich hierbei um eine ernste Krankheit handelte bis mich meine Kollegin aufklärte:

Beim Morbus Mediterraneus oder auch Morbus Bosporus handelt es sich mehr um eine beobachtete Verhaltensweise als um eine medizinische Krankheit. Hierbei wird eine eher als ungewohnt und überzogen empfundene Form von Schmerzäußerung beschrieben, die nur bei Menschen aus südlichen Ländern vorkommt.

Während Mitteleuropäer ihre Schmerzen ruhig und still ertragen, bringen Menschen südeuropäischer und orientalischer Herkunft diese angeblich häufig laut und sichtbar zum Ausdruck bringen.

Meine Recherche zeigte mir, dass diese Beobachtung nicht wissenschaftlich oder faktisch belegt ist. Morbus Mediterraneus wird infolgedessen von einigen Mitarbeiter des Gesundheitswesens nicht hinterfragt und hingenommen, mit der Folge das nicht mitteleuropäische Patienten in ihrem gesundheitlichen Empfinden nicht ernst genommen werden. Somit führt diese unreflektierte Verallgemeinerung zu einer unzureichenden medizinischen Versorgung der Patienten.

Morbus Mediterraneus führt unbewusst zu Vorbehalten und Vorurteilen bei Mitarbeitern im Gesundheitswesen gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund. Die Ursache liegt nach einem Artikel der F.A.Z. bei der Einreise von türkischen Gastarbeitern in dem achtziger Jahr und der damit verbundenen neuen Herausforderungen an Ärzt*innen und Krankenhäuser. Plötzlich ist man mit einer anderen Herkunft, Kultur und Sprache konfrontiert. Man hat mit Menschen zu tun, die eine andere Wahrnehmung empfinden, eine andere Sicht über Krankheiten haben und sogar bereitwillig einen Arzt aufsuchen. Diese Diskriminierung wird durch die Sprachbarriere zwischen Patient*innen und Arzt, sowie der Tatsache, dass Krankenhäuser selten auf Dolmetscher*innen zurückgreifen, aufrecht erhalten.[1]

Geht man davon aus, dass Migranten tatsächlich eine andere Schmerzwahrnehmung haben und diese anders zeigen, rechtfertigt dies in keiner Weise die ignorante Haltung einiger Mitarbeiter des Gesundheitswesens.

Die Art der Schmerzäußerung ist ihnen fremd und so lehnen sie diese als nicht normal ab. Sie ordnen die Schmerzempfindung als rassen- oder ethnienabhängig ein. Dabei wird außer Acht gelassen, wie komplex das Krankheitsbild Schmerz und seine Äußerungen sind. Die unreflektierten Vorurteile und die eigene subjektive Wahrnehmung des Einzelnen werden in solchen Fällen nicht berücksichtigt.

Das auch das eigene Verhalten oder Handlung gegenüber dem Patienten, wie zum Beispiel eine falsch gestochene Kanüle zur Blutentnahme, eine Reaktion auslöst, wird vom Personal ignoriert.

Sind aber diese Sorgen berechtigt? Ja! Dies bestätigt Frau Dr. Hatun in ihrem Instagram-Beitrag vom 25. März 2021.[2] Sie ist türkische Ärztin und hatte in ihrem Krankenhaus folgenden Fall:

Eine Patientin hat seit geraumer Zeit Rückenschmerzen entwickelt, so stark, dass sie nicht laufen konnte. Im ersten Krankenhaus wurde sie nicht ausreichend untersucht und anschließend nur mit Schmerzmitteln nach Hause geschickt. Daraufhin folgten mehrfache Vorstellungen bei ambulanten Ärzten, da sie trotz hoher Schmerzmitteleinnahme starke Schmerzen hatte. Die Symptome wurden stets auf ihre südländische ,,Übertreibung“ oder auf ihre Depression geschoben. Als die Patientin über Schwitz- und Zitterattacken klagte wurde dies nicht als Fieber mit Schüttelfrost diagnostiziert, sondern als ,,Wechseljahre“ abgestempelt. Ihre Kinder stellten die Patientin dann bei Frau Dr. Hatun im Krankenhaus vor. Diese stellte nach sorgfältiger Untersuchung fest, dass die Patientin an einer Herzklappenentzündung litt. Sie hatte Glück, dass die Entzündung noch harmlos war, normalerweise führt solch ein Krankheitsbild zu Schlafanfällen.

Auch ich kann durch meine Erfahrung als Rettungssanitäterin die Emphatielosigkeit des medizinischen Personals gegenüber Migranten*innen bestätigt. Spricht man sie auf diese Beobachtung an, machen die betroffenen Kollegen dicht, leugnen ihr Verhalten oder kommentieren dies mit der Bemerkung: ,,Ist ja nur Spaß, stellt dich nicht so an.“

Was also tun? Man sollte dieses Phänomen immer wieder öffentlich anprangern. Auch Patient*innen mit Migrationshintergrund sollten sich nicht leicht abwimmeln lassen und das Personal auf dieser Diskriminierung hinweisen, sollten sie sich nicht ernst genommen fühlen. Ebenfalls sollten Krankenhäuser ganz besonders auf einer multikulturellen Förderung ihrer Mitarbeiter hinarbeiten, denn im Gegensatz zu anderen Berufen geht es hierbei um die Gesundheit und das Leben von Menschen.

Zum Schluss stellt sich die Frage:

Verstößt eine Diskriminierung im Gesundheitswesen gegen Artikel 3 des Grundgesetzes? Dieser schützt bekanntlich die allgemeinen Menschenrechte des Einzelnen in Deutschland.


[1] https://www.fazschule.net/project/die-welt-in-bewegung2011/842

[2] https://www.instagram.com/p/CMxhJspCKbz/?utm_source=ig_web_copy_link

Bild: CanvaPlus

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