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#ReclaimTheStreets

Ich bin sauer. Ich bin sauer auf eine Welt, in der wir alle paar Monate ähnliche Debatten führen, um später keinen Schritt voran zu kommen. Ich bin sauer, dass Frauen* immer und immer wieder ihre Traumata schildern müssen, vor allen Menschen ihr Innerstes offenlegen, nur um ernstgenommen zu werden. Obwohl das Ausmaß unserer Traumata oder unserer Erfahrungen nicht bestimmen sollte, ob wir gehört werden.

Nachdem Sarah Everard am 3. März auf dem Nachhauseweg von einer Freundin verschwand und eine Woche später ihre Leiche gefunden wurde, war mein Instagram überflutet von Nachrichten und Gedanken zu ihrem Tod. Frauen posteten ermutigende Nachrichten, regten sich auf, dass wir diese Debatte nun ein weiteres Mal führen müssen und teilten ihre Erfahrungen. Wie jedes Mal. Es ist wunderschön und bestärkend, wie eng der Zusammenhalt in solchen Momenten ist. Jedoch ist es vor allem traurig, dass er nötig ist. Denn das Feed anderer blieb auffallend stumm. Das Thema erreichte anscheinend doch nicht die ganze Welt, sondern wieder nur eine Filterblase, welche durchaus informiert über Themen dieser Art ist.

Unter dem #textmewhenyougethomesafe teilten Frauen* persönliche Strategien und Erfahrungen auf dem Nachhauseweg, unter #reclaimthestreets wurden Erfahrungen mit Übergriffen auf der Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln geteilt. Doch da zu jeder Bewegung auch eine Gegenbewegung gehört trendete gleichzeitig auch der #notallmen, unter welchem Männer sich verteidigten, dass ja nicht alle Männer böse wären.

Das hat auch nie jemand gesagt: Das Problem ist nur, dass wir nicht wissen, welche die „guten“ sind.

So schön dies auch wäre, aber wir können es nicht in euren Gesichtern lesen. Laut einer EU-Statistik1 kennen 77% der Frauen die Täter . Das Märchen vom Monster, welches einen nachts in einen Busch zieht, ist so fest in unseren Köpfen verankert, dass wir nicht einmal auf die Idee kommen, dass das Verhalten unseres Kumpels/Dates/Beziehungspartners, welcher doch eigentlich so nett ist, vielleicht eigentlich gar nicht so nett war: sondern einfach sexuelle Belästigung. Wir alle kennen jemanden, dessen Verhalten Frauen* gegenüber fragwürdig ist, sagen tun wir jedoch in den seltensten Fällen etwas. Warum? Weil es unangenehm ist und niemand es sich gerne eingesteht Teil des Problems zu sein. So sind wir es aber alle, denn nur weil wir selbst in diesem Moment nicht aktiv jemanden belästigen, heißt das nicht, dass wir niemanden davon abhalten können. Also bitte, bitte, bitte redet mit euren Freund*innen, vor allem den männlichen und vor allem wenn ihr selbst männlich seid. Korrigiert das Verhalten, seid aktiv Teil der Lösung und nicht des Problems, auch wenn das heißt mehr unangenehme Gespräche mit Kumpels führen zu müssen. (An dieser Stelle empfehle ich die Show von Daniel Sloss „X“ anzuschauen)

Es nervt, dass ich denke, ich kann diesen Text nur schreiben, wenn ich meine Erfahrungen schildere, alle meine Geschichten und die meiner Freundinnen offenlege. Aber weder ich noch meine Freundinnen schulden irgendwem unser Trauma. Wir sollten sagen können, dass wir alleine nachts auf der Straße laufen wollen, alleine irgendwo hingehen wollen, oder doch einfach nur nicht weiter angefasst werden, wenn wir NEIN sagen (eigentliche erst wenn wir JA sagen, aber das ist eine andere Debatte), ohne dass wir diese Wünsche mit unseren Traumata belegen müssen. Also bitte macht es nicht zu Aufgabe von Frauen* die Straßen zurückzufordern, sondern helft uns, damit wir uns endlich in dieser Welt bewegen können, als würde sie auch uns gehören.

Hier noch ein paar Fakten:

  • –  Jede 7. Frau in Deutschland ist Überlebende sexueller Gewalt. (Jede 3. In Europa)
  • –  35 % der Frauen haben seit ihrem 15. Lebensjahr mindestens einmal sexuelle oder körperliche Gewalt erfahren.
  • –  Rund 25% der Frauen in Deutschland erfuhren sexuelle oder körperliche Gewalt durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner*innen.

Quelle:

1: FRA (2014): Violence against women: an EU-wide survey. Main results report. European Union Agency for Fundamental Rights

https://www.frauenrechte.de/images/downloads/hgewalt/Sexuelle-Gewalt-in-Deutschland.pdf

https://www.sueddeutsche.de/panorama/vergewaltigung-die-7-wichtigsten-fakten-zu-sexueller- gewalt-1.2937498

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