Campusleben

Refugees Welcome – Und jetzt?

Seit dem letzten Sommer ist das Thema um die Flüchtlinge, die in großen Zahlen nach Europa kommen, nicht mehr aus den Medien wegzudenken. Mannheim ist ein zentraler Angelpunkt für die Flüchtlingspolitik in Baden-Württemberg geworden. Doch interessiert man sich dafür auch an der Uni? Wir waren auf der Suche nach engagierten Studierenden, die tatkräftig mitwirken wollen und sind fündig geworden.

Dienstag, 14 Uhr: Die ersten Interessierten betreten die Räume im Bürgerhaus Neckarstadt West. Begrüßungen werden in verschiedensten Sprachen ausgetauscht. An mehreren Tischen haben sich Gruppen gebildet, bestehend aus zwei bis drei Teilnehmern und einem Lehrer. Übungshefte werden aufgeschlagen, Wörter buchstabiert, Zahlen aufgesagt, Uhrzeiten gelernt. Im Minutentakt betreten immer mehr Menschen die Räumlichkeiten. Es sind junge Männer und Frauen zwischen 20 und 30 Jahren, manchmal auch in Begleitung von Kindern.

Sie sind hier, um Deutsch zu lernen, um sich besser verständigen zu können und um mehr über eine fremde Kultur zu lernen, die jetzt zu ihrer neuen Heimat geworden ist. Die meisten von ihnen wohnen in der Mannheimer Landeserstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete in der Industriestraße. Auf Flyern haben sie dort von Sprachkursen erfahren, die die „Teachers On The Road “ zweimal pro Woche hier veranstalten. Die ehrenamtlichen Lehrer sind engagierte Erwachsene aus verschiedensten Bereichen. Unter ihnen ist Friederike. Sie studiert Soziologie mit Beifach Psychologie an der Universität Mannheim und ist seit September mit dabei. Ihr Job wird nie langweilig – jede Woche kommen neuen Teilnehmer, mit verschiedenen Sprachkenntnissen und Wissensständen. „Es gibt hier vier Räume, in denen wir unterrichten können und wir hatten schon bis zu 80 Schüler hier. Da saß ich auch mal mit Leuten im Flur, weil es keine Stühle mehr gab.“, sagt Friederike.

Friederike ©Giada Galow

Friederike im Gespräch mit einem der vielen Schüler, die die Veranstaltungen von „Teachers On The Road“ jede Woche besuchen.

Ein großes Ziel von den „Teachers On The Road“ ist es, die Isolierungen von Flüchtlingen aufzulösen, indem sie in Kontakt mit der, ihnen noch fremden, Sprache kommen. „Die Isolierung ist auch der Grund, warum wir die Kurse hier stattfinden lassen und nicht in der Industriestraße.“, erklärt Friederike. „Wir wollen das die Leute ein- oder zweimal die Woche aus ihren Unterkünften rauskommen, in die Stadt gehen und ein anderes Umfeld haben. Es geht einfach auch darum etwas über die deutsche Kultur zu erzählen. Und wenn die Leute dabei Deutsch lernen, dann ist das schön. Es ist auf jeden Fall wichtig, dass sie ein bisschen was über das Land hören, indem sie gerade sind.“

Bis zu 12000 Flüchtlinge können in Mannheim aufgenommen werden

In Mannheim leben momentan etwa 500 kommunale Flüchtlinge, in Wohnungen am Stadtrand. Darüber hinaus sind weitere Flüchtlinge in zwei der ehemaligen US-Kasernen, den Spinelli- und Hammond Baracks und in der ehemaligen US-Wohnsiedlung, Benjamin Franklin Village, in Käfertal untergebracht.

Die verlassenen US-Stützpunkte werden als „Bedarfsorientierte Erstaufnahmeeinrichtungen“ vom Regierungspräsidium Karlsruhe betrieben. In ihnen werden die Flüchtlinge aufgenommen, für die die Kapazitäten der Landeserstaufnahmeinrichtung nicht ausreichen. Insgesamt sind das maximal bis zu 12.000 Menschen (Stand November 2015)

Das Benjamin Franklin Village ist mit einer Fläche, größer als die Mannheimer Quadrate, schon fast eine eigene kleine Stadt, ein eigener kleiner Kosmos.

Isabelle kam, im Rahmen ihres Engagements für „youngcaritas Mannheim“, einer Ehrenamtsplattform für junge Leute des Caritasverbands Mannheim, zum ersten Mal in Kontakt mit diesem Ort. Sie studiert Medien- und Kommunikationswissenschaften im fünften Semester mit Beifach Soziologie und nimmt regelmäßig bei Aktionen von „youngcaritas“ Teil. Dabei betreut und veranstaltet sie, zusammen mit anderen Ehrenamtli­chen Spielenachmittage für Flüchtlingskinder­, die auf dem Gelände des Benjamin Franklin Village stattfinden.

Isabelle ©Giada Galow

Isabelle engagiert sich für youngcaritas Mannheim und betreut Spielenachmittage für Flüchtlingskinder.

„Man kam da hin und war quasi fremd, aber die Kinder kamen aus allen Türen herausgestürzt und haben einen dann auch sofort umarmt oder gefragt: „Wie heißt du?“, „Wie alt bist du?“, „Wo kommst du her?“.“, erzählt Isabelle begeistert von ihren ersten Erlebnissen. „Die haben uns total in Beschlag genommen und waren super offen und herzlich.“

Mitmachen kann jeder. Gespielt wird draußen, zumindest in den warmen Jahreszeiten. Im Herbst und im Winter werden die Nachmittage nach drinnen verlegt.  Dann werden Brettspiele ausgepackt und es wird gemeinsam gekocht. Trotz der bestehenden Sprachbarriere kann Isabelle sich sehr gut mit den Kindern verständigen – „Wenn du dich an einen Tisch setzt und Stifte und Mandalas auspackst, oder wenn du im Sandkasten buddelst, dann versteht das jedes Kind.“

Mit den Kindern zu arbeiten war für sie ein guter Einstieg in die Flüchtlingsarbeit. „Ich bereue es nicht. Es ist logischerweise manchmal echt laut, weil es eben Kinder sind. Da weint auch mal jemand.“, erzählt Isabelle. „Aber es ist schön zu sehen, dass die Kinder total dankbar sind für Sachen, für die sich jedes gleichaltrige Kind in Deutschland nicht unbedingt begeistern könnte.“

Refugees Welcome. Auch an der Uni

Dass ein Engagement für Flüchtlinge nicht nur außerhalb der Uni, sondern auch in der Uni möglich ist, zeigt die im Herbst 2015 gegründete „Nice To Meet You“ Hochschulgruppe. Sie ist Teil des gleichnamigen Mannheimer Vereins und will mit Aktionen an der Uni und in der Stadt die Berührungsängste zwischen Bürgern und Flüchtlingen abbauen.

Franziska und Stephan – sie studiert Medien- und Kommunikationswissenschaft im fünften Semester, er Politikwissenschaften im dritten Semester – haben die Gruppe mit ins Leben gerufen. Sie hatten sich schon vor der Gründung intensiv mit dem Thema beschäftigt und wollten nun aktiv werden. Der erste Kick-Off, für die Hochschulgruppe hat bereits im vergangenen Semester stattgefunden. Als erste Aktion ist eine Jamsession geplant: ein gemeinsamer musikalischer Abend, zusammen mit Flüchtlingen. „Es soll ein Abend sein, bei dem man einfach auf die Bühne gehen, sich hinsetzen und Musik machen kann, zusammen mit anderen Leuten. Keiner ist verpflichtet genau drei Lieder zu spielen, jeder kann so lange bleiben, wie er möchte.“, erklärt Stephan und Franziska ergänzt: „Es ist egal, wer du bist, was du machst, wo du herkommst. Mit Musik kann man alle zusammenbringen.“.

Die „Nice To Meet You“ Hochschulgruppe hat darüber hinaus noch weitere Ideen entwickelt, die sie in der kommenden Zeit umsetzen will. Darunter ein gemeinsamer Kochabend mit Flüchtlingen, sowie Vorträge von Flüchtlingen, die bereits einen akademischen Abschluss in ihrer Heimat gemacht haben. „Wir würden es auch total gerne schaffen, dass ein paar Geflüchtete an die Uni kommen können, als Gasthörer zumindest.“, sagt Franziska.

Die Gruppe sieht sich in erster Linie als Event-Team. Dabei kann jeder mit einsteigen und sich in einem Bereich seiner Wahl beteiligen. „Es geht vor allem darum, nochmal eine bestimmte Altersgruppe anzusprechen. Weil viele interessiert sind und gerne etwas machen würden, aber keinen Ansprechpartner an der Uni finden.“, erklärt Franziska.

Spätestens mit der Gründung der Hochschulgruppe ist die Flüchtlingsthematik nun voll und ganz an der Universität angekommen, einem Ort, an dem Völkerverständigung und Willkommenskultur schon über viele Jahre stattfinden.

Text: Matthias Mohler

Fotos: Giada Galow

 

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