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Über das Wesen der Worte

Auf welche Weise sprechen wir? Was biologisch einfach zu erklären ist, wirft bei psychologischer Betrachtung komplexe Fragestellungen auf. Es ist die Art und Weise, wie wir uns ausdrücken, welche Worte wir verwenden, in welcher Sytanx wir sprechen, die unsere Worte einrahmt, welches Metrum wir verwenden, dem wir unbewusst verfallen, das uns von anderen differenziert und unser Wesen wiederspiegelt wie es in einer Komposition die Melodie vermag. Betrachtet man die Mikroebene ist es gar die Lautformung die unser Sprechen einzigartig macht. Es scheint also kaum verwunderlich, dass einige Worte in unserer Wahrnehmung größeren Anklang finden als andere. Auch einige Sprachen klingen – natürlich liegt es mir fremd zu pauschalisieren – für viele Zuhörer angenehmer als andere.

Italienisch gilt als melodischste Sprache, denn die vielen Vokale ziehen den Zuhörer in eine Art sinnlichen Bann. Man vermutet hinter den vielen a´s und o´s einfach eine tiefe natürliche Botschaft, die sich uns offenbaren will und je länger wir zuhören, desto intensiver wird das Erlebnis. Rubacuori, der Herzensbrecher, eines meiner liebsten italienischen Wörter legt auf eine für mich onomatopoetische Weise da, wie die Italienische Sprache imstande ist, ein Gefühl hervorzukitzeln. Das weiche „ruba“ im Kontrast zum harten „cuori“ – man kann sinnbildlich hören, wie das Herz in der einen auf die andere Sekunde in tausend Einzelteile zerbricht.

Doch haben wir, um auch einmal das Gegenteil anzusprechen, bestimmt alle schon einmal die irren Imitationen der deutschen Sprache durch irgendwelche Amerikaner in ominösen TV-Shows gehört, die das Wort Schmetterling auf eine derart absurde Weise verunglimpfen (SchmETTERling), dass man kurzzeitig in Versuchung kommt, ihre eigene Sprache für die Überlegenere zu halten. Dabei hat auch die deutsche Sprache wunderschöne Wörter, die jedoch durch den Wandel der Zeit in Vergessenheit geraten sind. Mannigfaltig ist eines dieser Wörter, auf den ersten Blick ein seltsames Wort, weil keiner so richtig einordnen kann, was genau es ausdrücken soll. Aber paradoxer Weise ist diese Vielfältigkeit der Interpretationsmöglichkeiten genau das, was mannigfaltig ausdrückt: „in großer Art vorhanden und auf vielerlei Art gestaltet.“ Doch priesen wir das Sortiment im Lidl nebenan als mannigfaltig, ist nicht mit Begeisterungsstürmen des Gegenübers, sondern eher mit verstörten Blicken zu rechnen. Warum ist das so? Natürlich unterzieht sich unsere Sprache einem stetigen Wandel, doch wäre es nicht schön, wenn unsere Welt etwas mannigfaltiger wäre?

Von allen Sprachen, die ich bisher gelernt habe, sticht das Altgriechische in Sachen Wörter und Bedeutungsschwere besonders heraus. Das Pathos der griechischen Sprache ist schwer zu beschreiben: Ein guter Versuch, die Sprache im Vergleich zu anderen zu kontrastieren unternimmt Donna Tartt, in ihrer „geheimen Geschichte“: Sie beschreibt das griechische πῦρ (pyr) als eine Art unbändiges apokalyptisches Inferno, eine Eigenschaft die unser „Feuer“ nicht zum Ausdruck bringen kann, nein, sogar nicht einmal anklingen lassen kann. Stellen wir uns das Wort pyr in Kombination mit einem gewaltigen gerollten R am Ende vor kann man diese Urgewalt förmlich spüren. Alles in allem kann jeder, der einmal in den Genuss des Altgriechischen gekommen ist feststellen, dass er nun zwar die bildgewaltigste und emotionsgeladenste, jedoch auch in gewisser Weise seltsamste Sprache seines Lebens gelernt hat. Der typische Altgriechisch-Schüler verfügt über einen enormen Schatz an zusammengesetzten Worten der verschiedensten Bandbreite, vom Obszönen bis Nebulösen. Allein mit dem Wortteil „kakos“ (ja, bedeutet im Grunde das, was das Deutsche auch hergibt) ergeben sich hunderte verschiedener Wörter für vielfältige Situationen. Ihr habt Leute eingeladen, die eure Wohnung demoliert haben und sich nach dem Essen ohne sich zu bedanken gleich wieder verdrückt haben? Ihr könnt euch nun getrost als Kakoxenos bezeichnen, als „einen, der echt schlechte Gäste hat“. Und ihr habt den Leg-Day wissentlich geskippt? Dann bleibt für euch nur noch die Bezeichnung Kakoskeles, „einer mit schlechten, dünnen Beinchen“. Was die alten Griechen mit einem Wort auszudrücken vermochten, können wir heute nur mit mehreren Worten umschreiben.

So sprechen wir heute mit einer völlig anderen Bedeutungsschwere, unsere Wortwahl ist flüchtiger und gleichsam bedeutungsärmer. Ein mittelalterliches „holde Maid, wie ist Euer Befinden an diesem mannigfaltigen Tag?“ weicht einem Teenager-Slang von „Wg?“ oder „Was geht?“. Natürlich fordere ich den Leser hiermit nicht auf zurück zu einem antiquierten Sprachgebrauch zu verfallen, das wäre völlig unpassend, doch denke ich, dass der allgemeinen Schönheit der Sprache und deren Worten, unserer sowie fremder aus aller Welt, mehr Wert zugemessen werden sollte. Dabei spielt keine Rolle, wer was genau als schön empfindet, denn Schönheitsempfinden lässt sich nicht anders als subjektiv feststellen, sondern der Gedanke, dass Worte als Bindeglied zwischen den Menschen fungieren und wir durch Worte unserem Gegenüber das überwältigende Gefühl völliger Verbundenheit wie auch gleichsam eine völlige Ablehnung seiner Person signalisieren können. Wir balancieren täglich auf einem schmalen Grad zwischen „richtigen“ und „falschen“ Worten, denn sie sind zwar Medium für unsere Gefühlswelt, doch kennt selbst die Sprache ihre Grenzen. So möchte ich abschließen mit Samuel Butler : „Nicht Worte sollen wir lesen, sondern den Menschen, den wir hinter den Worten fühlen.

Autor: Marie Edith Beck

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