Campusleben

Was dir vor deinem Erasmus-Semester niemand sagen wird

Das hier wird kein lieber, netter Erasmus-Erlebnisbericht aus dem Auslandskoordinatoren- Datenbank-Wunderland. Dazu gibt es zu wenige Leute, die sich groß über das Konzept aufregen, sich über die Realitätsflucht von Erasmus-Studis lustig machen, oder es in sarkastischen Glossen erwähnen.  Es scheint, als würde in der öffentlichen Wahrnehmung eine schützende Hand über dem Erasmus-Programm schweben. Immerhin ist es ja das Baby aller Studis, die seit fünf Semestern alle 20 Minuten über denselben Witz auf Jodel lachen.  Oder derjenigen, die sich während ihres Erasmus-Semesters beim besoffen-durch-die-Innenstadt-Spazieren sehr bemühen, anderen Gruppen von Deutschen aus dem Weg zu gehen (Deutsche im Ausland sind ja immer mega peinlich. Dass du es auch bist, merkst du wahrscheinlich erst, wenn du in fünf Jahren deine alten Bilder durchsiehst.).

Im Endeffekt ergibt es aber nur Sinn, dass sich nicht jeder im Erasmus-Småland wohlfühlt. Das Grundrezept läuft ja auch auf nichts anderes als eine halbjährige Abifahrt hinaus. Man nehme zwei- bis dreitausend privilegiert aufgewachsene  Kids in Markenjeans aus ganz Europa, gebe ihnen 400 € im Monat und ein paar fancy Bändchen inklusive Getränkegutscheinen und stecke sie in eine schnieke spanische Stadt mit gutem Wetter.  Und sieh an: Du fühlst dich direkt an die künstlich gepushte, instinktiv-unkontrollierte Gruppendynamik eines Kindergartens auf Traubenzucker erinnert. Oder an die verbitterte Vorfreude eines Haufens 16-jähriger Hype-Biester vor dem Sneaker-Schuppen ihrer Wahl. “Erasmus is not a year in your life, it’s your life in one year!”, brüllen dich Whatsapp-Gruppenchats, übermotivierte Erasmus-Buddies, Facebook-Veranstaltungsbanner und – am allerschlimmsten – Mitarbeiter von Erasmus-Reise-Party-Unternehmen, die denken, ihr Klientel in dir gefunden zu haben, konstant an. Und natürlich noch diese komplett nervige Person, die mit dir aus der Uni Mannheim da ist, mit der du höflichkeitshalber alle paar Tage zwei Minuten Smalltalk führst. “Nutze die verdammte Zeit auf diesem untergehenden Planeten!“, ruft dein fear-of-missing-out-infiziertes Unterbewusstsein. Und irgendwie hat es ja auch Recht: ein Erasmus-Semester vergeht extrem schnell. Aber krankhaft jedes Wochenende die Erasmus-Party und den von irgendeiner Studi-Initiative organisierten Ausflug inklusive Turnbeuteln in Neonfarben mitzunehmen, fühlt sich auch nicht wie ein Leben in der Realität an. ”Make your Erasmus experience!”, grölen dir Schaumparties, Karaokeabende und Pub Quizzes zu, auf denen du von den immer gleichen Leute gefragt werden kannst, wie alt du bist, wo du herkommst und was du studierst. Du überlegst zu dem Zeitpunkt, dir vielleicht einen großen Zettel zu besorgen, den du dir auf die Stirn kleben kannst.

Dass du dich mit Locals anfreunden kannst, ist ein ziemlicher Mythos. Es wird sehr wahrscheinlich nicht passieren. Dein Leben als Erasmus-Student ist das Leben in einer Blase, und irgendwie wusstest du das ja auch in Mannheim schon. So richtig merkst du es wahrscheinlich, sobald du dich länger mit Locals unterhältst. Sie gehen nicht davon aus, dass du viel Zeit außerhalb deiner Erasmus-Blase verbringst und geben sich auch nicht unbedingt die Mühe, dich in ihren Freundeskreis zu integrieren. Warum auch? Du bist ja sowieso in vier Monaten wieder weg. Und deswegen ist es für dich einfacher, dich mit denjenigen zusammenzutun, die in derselben Situation stecken wie du – sich auch um Papierkram, eine Wohnung, Bustickets und Kursanmeldungen kümmern müssen. Sie müssen in den meisten Fällen nicht neben der Uni arbeiten, haben genauso viel Zeit und müssen genauso selten in ihre Uni-Kurse wie du. Sie sind alle Anfang 20, wie du, und im Fall der allermeisten Studis aus dem Osten oder Süden Europas, werden sie auch zum ersten Mal alleine wohnen (Merke: zum Studieren von Zuhause wegzuziehen ist ein ziemlich deutsches Privileg.). Kurz gesagt gibt es so viele Gemeinsamkeiten: um die Erasmus-Blase in eine eurozentrische-Party-Patriotismus-Sekte zu verwandeln, bräuchte es nur noch einen geheimen Handschlag und ein offensichtlich sichtbares Erkennungszeichen. Ah stimmt, nur den Handschlag: für Letzteres gibt es ja schon die Neon-Bändchen. 

So gemein das jetzt war: Wie mit jeder Blase tut es weh, wenn sie platzt. So hedonistisch, oberflächlich und stumpf das ganze Konzept auch ist: Bist du wieder zurück zu Hause angekommen, kommt der Erasmus-Kater. Und du merkst, dass du trotz all dieser Aufreger eine ziemlich gute Zeit hattest. Und hey: dich hat ja auch niemand gezwungen in den ersten Wochen auf diese ganzen affigen Events zu gehen. Zum Glück gab es noch diese anderen Leute, die genauso wenig Lust darauf hatten wie du. Vielleicht seid ihr ja Freunde geworden, und trefft euch in ein paar Jahren wieder. Vielleicht sogar in dieser räudigen Karaokebar von damals. Wenn du aber gerade dabei bist, dir zu überlegen, ein Erasmus-Semester zu machen, dann sag ich dir: Kann man schon machen, aber hab keine Angst etwas zu verpassen. Das wirst du nicht.

Text: Carlos Hanke Barajas

(Dieser Artikel erschien im Unimagazin 2019-1)

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