Corona

Wie viel Freiheit kann eine Gesellschaft aushalten?

Symbolbild, eigene Quelle

Der Mann trägt eine grüne Weste und wischt die lange Reihe der silbernen Waschbecken entlang. Es ist viel los, ständig kommt ihm bei seiner Arbeit ein kurzes „Excuse me mate“ dazwischen und er macht Platz, denn jemand will sich am frisch desinfizierten Waschbecken die Hände waschen. Der Mann in der grünen Weste ist der Einzige auf der Herrentoilette, der eine Maske trägt. Es ist Samstag Abend in Manchester und die Piccadilly Station ist gerammelt voll. „In crowded spaces, wear a face covering out of respect for others, unless exempt. Please be considerate of other passengers and rail staff.“ Das ist der offizielle Hinweis auf der Seite der britischen Bahn. (1) Die grellen Lichter der Bahnhofshalle machen aber allzu deutlich, dass auf sehr viele Menschen hier sehr wenige Masken kommen.

Das ist im Oktober 2021 nicht nur im Bahnhof von Manchester so. Seit die Regierung unter Boris Johnson am 19.07.2021 fast alle Corona Beschränkungen gekippt hat, besteht unter anderem keine Pflicht mehr zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung in geschlossenen Räumen. Seitdem setzt das Vereinigte Königreich vor allem auf die Eigenverantwortung der Bürger*innen. (2, 3) Trotz zahlreichen Aufrufen und Mahnungen an ebenjene (in den Städten vor allem in Form von Plakaten und Billboards, mit denen auf die Notwendigkeit des Tragens einer Maske oder – man denke nicht, dass es dazu einer Erinnerung bedürfe – auf das regelmäßige Händewaschen hingewiesen wird) ist der Erfolg dieser Strategie aber eher begrenzt.

Im Northern Express von Manchester nach Sheffield sind alle Plätze belegt. Zu Beginn der Fahrt eine Durchsage, die die Mitfahrenden darum bittet, für die Dauer der Fahrt eine Maske zu tragen. An den blauen Wänden des Zuges hängen rosa Schilder mit Hinweisen auf die noch bestehende Gefahr durch das Coronavirus, sowie ein erneuter Appell an die Solidarität zu den Mitreisenden, und ganz besonders an die zu den Arbeitenden im Zug. Diese Solidarität fährt allerdings nicht mit: bis auf die Frau in der blauen Weste, die die Fahrscheine kontrolliert, trägt auch hier nur eine verschwindend kleine Minderheit eine Maske. Das ist auch dahingehend erstaunlich, da es in der Regel auch in Großbritannien noch eine Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln gibt.

Man könnte nun einwenden, dass unpersönliche Aufrufe eben nichts bringen, weil sich hierbei niemand angesprochen fühlen wird. Allerdings sind auch direkte und persönliche Appelle nicht zielführend. An der University of Sheffield wird beispielsweise in Rundmails von Professor*innen und Dozent*innen an ihre Kurse, oder zu Beginn von Vorlesungen und Seminaren, immer wieder auf die Notwendigkeit der Einhaltung basaler Hygiene Maßnahmen hingewiesen. Denn obwohl die Situation in England gerade unter Kontrolle scheint, auch aufgrund des durchaus erfolgreichen Impfprogramms (mit einer Impfquote von 66 % vollständig geimpfter Personen, sowie 72 % mit einer Erstimpfung (4)), wecken die Erinnerungen an den Winter 2020 doch schlechte Erinnerungen. Auch damals schien die Situation beherrschbar, dann aber stiegen die Zahlen in den kälteren Monaten wieder rasant an und brachten die Krankenhäuser, und den eh schon desolaten National Health Service (5), an die Belastungsgrenze. Expert*innen warnen nun vor der Mischung aus großen Menschenmengen, der Kälte, einer anrollenden Grippewelle und Unachtsamkeit, die in Kombination mit der Deltavariante zu sogenannten „Immune-Escape-Varianten“ führen könnte, bei denen eine Impfung nicht vor einer Ansteckung, und damit der weiteren Ausbreitung, schützen könnte. (6) Und Sie scheinen nicht ganz Unrecht zu haben. Denn blieben die Infektionen nach der Lockerung der Maßnahmen zunächst niedrig, stiegen sie zuletzt wieder stark an. Zeitgleich steigt die Hospitalisierungsrate, die Warteliste in den Krankenhäusern ist in den Millionen, und immer noch können tausende Schüler*innen nicht in den Unterricht, weil das Impfprogramm in der Altersgruppe unter 15 Jahren stockt. (7, 8) Und ganz abgesehen von den aktuellen Infektionszahlen, sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu „Long Covid“ immer noch dünn – es ist einfach nicht klar, was die Auswirkungen auf die Menschen und die Gesellschaft sein werden.

Warum also diese Seelenruhe der (meisten) Brit*innen in Angesicht eines drohenden Sturmes, der durch so simple und banale Maßnahmen wie dem Tragen einer Maske zumindest deutlich unwahrscheinlicher gemacht werden könnte? Es scheint nicht an fehlendem Zwang zu liegen, denn auch in den Bereichen, in denen noch eine Pflicht besteht, wie in den öffentlichen Verkehrsmitteln, werden keine Maske getragen. Wie aber lässt sich dieses Verhalten erklären?

England ist der Geburtsort des politischen Liberalismus, individuelle Freiheit und ihr Stellenwert sind in der Bill of Rights, der englischen Verfassung, verankert. Das spiegelt sich in der Corona-Pandemie in der Rhetorik der politischen Eliten wider. Der Diskurs der konservativen Regierungspartei von Premier Johnson drehte sich von Anfang an um eine Betonung der Eigenverantwortung. So auch im Herbst 2020, als Johnson spät auf ausufernde Infektionszahlen reagierte und erst Ende Oktober einen vierwöchigen Lockdown verhängte, obwohl die Opposition unter Keir Starmer bereits Wochen zuvor verschärfte Maßnahmen forderte. Zuletzt wurden nach einem Interview des ehemaligen Beraters Dominic Cummings bei der BBC drastische Aussagen des britischen Premiers bekannt. So soll Johnson früh die Strategie verfolgt haben, das Land zu „durchseuchen“, anstatt der Wirtschaft zu schaden, und dass die meisten der Opfer „im Wesentlichen alle über 80“ seien, so Cummings. (9) Diese Rhetorik des Premiers schlug sich in der Reaktion auf die Pandemie wieder, was nun auch in einem Bericht eines Ausschusses des britischen Unterhauses bekräftigt wird. (10) Dieser wirft der Regierung vor, viel zu spät und viel zu lasch auf das Virus reagiert zu haben. Auch jetzt fällt die Rhetorik der Regierung wieder dahingehend auf, dass das Narrativ einer neuen „Normalität“ bedient wird. Es ist auch kein Zufall, dass der Tag, an dem die Beschränkungen gekippt wurden, als „Freedom Day“ bezeichnet wurde. Es wird versucht, der Gesellschaft das vertraute Gefühl der Normalität zurückzugeben, unter anderem mit dem Verweis auf die erfolgreiche Impfkampagne. Dieser politische Diskurs schwappt auch auf die Bevölkerung über, überall herrscht ein trügerisches Bild der Normalität. Mit Folgen.

Zurück zum Anfang. Am selben Tag in Manchester in einem Café, wieder ist viel los, wieder sieht man wenig Masken. Eine Gruppe etwa 40 Jahre alter Männer und Frauen sitzen um einen langen, rechteckigen Tisch. Der Wortführer trägt ein grünes Polohemd und rührt beim Sprechen wild gestikulierend in seinem Tee herum. Meistens spricht er in dezidiertem und bestimmtem Tonfall zur Frau ihm gegenüber. Er erklärt ihr, dass es endlich an der Zeit sei, die bürgerliche Freiheit zurückzuerlangen, wie sie ihm die „Bill of Rights“ garantiere. Welche Freiheit das sein soll, das weiß nur er, und diejenigen, die diesen seltsamen Freiheits-Diskurs geprägt haben. Die Freiheit, für die der Mann in der grünen Weste die Waschbecken desinfiziert? Oder ganz allgemein gesprochen eben jene Freiheit, für die all die Menschen, die sich nicht aussuchen können, in belebte Räume zu gehen, weil sie dort arbeiten müssen, ihre Gesundheit riskieren? So wie das Personal der Krankenhäuser und Intensivstationen, welches auch hier in England wieder an seine Grenzen gerät? Es scheint so, als wäre in diesem Land, dem Geburtsort des politischen Liberalismus, die einst wichtige Betonung der individuellen Freiheit zu nichts mehr als einer Maskierung von purem Egoismus geworden.

Autor: Tim Wurster

Quellen

  1. https://www.networkrail.co.uk/coronavirus/
  2. https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/grossbritannien-node/grossbritanniensicherheit/206408
  3. https://www.tagesschau.de/ausland/europa/england-corona-lockerungen-johnson-101.html
  4. https://ourworldindata.org/covid-vaccinations?country=GBR
  5. https://www.nuffieldtrust.org.uk/news-item/will-the-third-covid-19-wave-overwhelm-the-nhs
  6. https://www.rnd.de/politik/real-freedom-day-in-england-faellt-eine-der-letzten-corona-massnahmen-REY2WG6PKKGISSGXGBHD27BE34.html
  7. https://www.theguardian.com/world/2021/oct/15/why-britons-are-tolerating-sky-high-covid-rates-and-why-this-may-not-last
  8. https://www.fr.de/panorama/grossbritannien-neue-corona-welle-droht-drei-monate-nach-freedom-day-91050221.html
  9. https://www.fr.de/politik/boris-johnson-gegen-lockdown-aeltere-menschen-sowieso-oberhalb-der-lebenserwartung-90873324.html
  10. https://www.theguardian.com/world/2021/oct/12/damning-commons-covid-report-should-be-seen-only-as-a-start

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