Allgemein Kaleidoskop Sport

Wie viel Politik darf Sport?

Angefangen hat alles mit den Kniefällen der englischen und belgischen Nationalmannschaft vor jedem Spiel, um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen. Dazu kamen die Trikots der ukrainischen Mannschaft, welche die Umrisse des Landes zeigen, inklusive der von Russland annektierten Halbinsel Krim. Weiter ging es mit der Regenbogen-Binde, welche der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft bei jedem Spiel weiterhin tragen darf, und schließlich fand die Diskussion ihren Höhepunkt in dem Verbot der UEFA, die Allianz-Arena beim Spiel gegen Ungarn in Regenbogenfarben erstrahlen zu lassen. Somit sind wir wieder bei der Gretchenfrage: Wie viel Politik darf Sport?

Laut Artikel 16 der UEFA-”Rechtspflegeordnung“ sind Botschaften verboten, welche „politischen, ideologischen, religiösen oder beleidigenden Inhalts“ sind und die „durch Geste, Bild, Wort oder andere Mittel“ geäußert werden. Somit wird versucht sich von jedem politischen Inhalt abzugrenzen und auf neutralem Boden zu bleiben.

Nur leider sind die Entscheidungen der UEFA in Hinsicht auf diese „Rechtspflegeordnung“ alles andere als unpolitisch. Denn indem sie sich zum Beispiel entscheidet, Neuer die Pride-Binde weitertragen zu lassen, da sie eine positive Botschaft sendet, positioniert sie sich klar für Toleranz und Akzeptanz. Jedoch ruderte die UEFA schnell wieder zurück, denn die Beleuchtung im Spiel Deutschland gegen Ungarn wurde ihnen dann doch zu politisch.

Um das Spannungsverhältnis „Politik – Sport“ weiter zu beleuchten, müssen wir einen Blick in die Vergangenheit wagen, denn Sport war schon immer politisch.

Bei der Siegerehrung des 200-Meter-Laufs der Männer strecken der Erst- und der Drittplatzierte ihre Fäuste Richtung Himmel und liefern uns das wahrscheinlich berühmteste Foto der Olympischen Spiele 1968. Die US-Amerikaner protestieren mit dieser Geste gegen die Rassendiskriminierung in den USA.

Der Ire Peter O’Connor, Zweitplatzierter bei den „Olympischen Zwischenspielen“ 1906, weigert sich unter der britischen Fahne geehrt zu werden und klettert auf den Fahnenmast, um die grüne Fahne zu schwingen, welche für sein Heimatland steht, und demonstriert damit für die Unabhängigkeit Irlands.

1908 tritt das finnische Team in London lieber komplett ohne Flagge an als unter der des Zarenreiches Russland, zu dem Finnland damals noch gehörte.

Die FIFA schließt 1976 Südafrika aus dem Weltfußball aus und setzt damit ein klares Zeichen gegen die Apartheid. Dieser Ausschluss übte laut Sport-Professor Jürgen Mittag eine „stärkere Wirkung auf das Apartheidregime aus als alle Waffenembargos und Wirtschaftsblockaden“.

Politische Angelegenheiten wurden also bisher nicht von Sport getrennt; und ehrlich gesagt können sie auch gar nicht voneinander getrennt werden. Denn immer wenn die Fahne eines Landes gehisst und die Nationalhymne gesungen wird, treten diese Menschen nicht für einen zufälligen Landstrich, sondern für Länder mit Grenzen, welche umkämpft wurden oder noch werden, welche bestimmte politische Systeme und damit auch Werte repräsentieren, an. Somit vertritt Neuer mit der Regenbogen-Binde am Arm nicht nur seine eigene Meinung, sondern zeigt auch, dass Deutschland (zumindest symbolisch) für die Rechte von Menschen der LGBTQ+-Community einsteht.

Des Weiteren können Sportverbände nicht davon ausgehen, dass ihre Entscheidungen nicht politisch aufgeladen sind. Denn Entscheidungen wie die Vergabe der Fußball-WM 2022 an Katar, ein Land, welches massiv für Menschenrechtsverletzungen kritisiert wird, sind politisch, und wer denkt, dass Sport keine politische Botschaft sendet, ignoriert das 1. Axiom der Kommunikation von Paul Watzlawick: Man kann nicht nicht kommunizieren. Denn allein die Existenz eines schwulen Spielers in der NFL ist politisch. Einfach, weil es in der Mehrheitsgesellschaft noch nicht als die Norm angesehen wird.

Symbole bringen in der Politik oftmals faktisch nichts und werden nur zur Selbstdarstellung genutzt, jedoch bedeuten sie vielen Menschen etwas (gerade im Fußball, welcher bis heute kein Safe-Space für queere Personen ist) und senden wichtige politische Signale im internationalen Kontext.

Solange Rechtsextreme Reichskriegsflaggen im Stadion schwenken, Staatsoberhäupter die Länderspiele besuchen und Homophobie nicht aktiv im Sport bekämpft wird, ist Politik nicht von Sport zu trennen. Dieser sollte sich seiner politischen Rolle also bewusst sein und darauf achten, welche Signale er sendet und wen er unterstützt. Politik darf also Sport und wenn wir ganz ehrlich sind, sollte er vielleicht auch.

Quellen:

https://www.bpb.de/apuz/28251/editorial

https://www.br.de/puls/themen/sport/wie-politisch-ist-der-sport-100.html

https://www.deutschlandfunkkultur.de/fussball-politik-die-trennung-laesst-sich-nicht-mehr.1008.de.html?dram:article_id=499121

https://www.deutschlandfunk.de/kritik-an-fussball-wm-in-katar-toni-kroos-steht-auf-der.1346.de.html?dram:article_id=495207

https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.aktion-gegen-rassismus-bei-der-em-2021-starkes-zeichen-england-und-schottland-knien-gemeinsam.f96ba430-803a-4e45-9595-b885d6f469c0.html

https://www.stern.de/sport/fussball/em-2021/em-2021–uefa-fordert-ukraine-auf–politische-botschaft-von-trikots-zu-entfernen-30565876.html

Bild: https://www.pexels.com/de-de/foto/gruppe-von-leuten-die-fussballspiel-beobachten-303353/

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