Willi und der Amoshof – Das Verschwinden der Kleinbauern

Eine Reportage über das Leben auf dem traditionellen Kleinbauernhof Amoshof, in der Willi von der Geschichte des Hofes, dem Wandel der Landwirtschaft und dem Verschwinden der Kleinbauern berichtet.

Die Straße wird schmaler, je näher ich dem Amoshof komme. Von der Landstraße biegt der kleine Asphaltweg ab, kaum breit genug für mein Auto. Links und rechts: hügelige Felder, wie hingetupft auf die Landschaft, durch die sich der Weg windet. Kurz vor dem Hof muss ich anhalten – mitten auf dem Weg steht Manfred mit seinem Traktor. Die Schaufel ist hochgefahren, er kippt Silomais in einen riesigen Futterhäcksler. „Wart mo, glei hann isch’s!“, ruft er in bestem Pfälzisch, ohne aufzublicken. Es zischt, ein dumpfer Ruck – die Hydraulik arbeitet. Erst als der Häcksler voll ist, tuckert Manfred ein paar Meter zur Seite und winkt mich durch. Ich fahre weiter, nehme den letzten Anstieg – und dann liegt er vor mir: der Amoshof. Alt, urig, verwittert. Wie ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit.

Die Fassade des alten Bauernhauses war einmal weiß gewesen, jetzt bröckelt sie grau und staubig ab, als hätte sie jedes Wetter der letzten Jahrzehnte in sich aufgesogen. Ein schmales Vordach aus vergilbtem Wellplastik wirft löchrigen Schatten auf die Treppenstufen, die zur Haustür führen. Ein krummer Besen lehnt daneben. In den Fenstern hängen weiße, gehäkelte Vorhänge, die wirken, als wären sie von einer längst verstorbenen Tante handgearbeitet. Dann geht die Tür auf. Willi steht da mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Er trägt eine ausgewaschene Jeans, ein abgetragenes T-Shirt und Hausschuhe. Schlank ist er, drahtig fast, mit grauen Haaren, Halbglatze und einem Schnurrbart. „Gut herfunn? Wir sind ja nicht mal mehr ausgeschildert“, sagt er und lacht, als hätte das irgendwie auch etwas Gutes. Dann führt er mich in die Küche. Wir nehmen an einem alten Holztisch Platz.

Willi hat sein ganzes Leben auf dem Amoshof verbracht. Als Kind lief er seinen Eltern hinterher und half hier und da mit. Als Jugendlicher packte er zum ersten Mal richtig mit an – bis er schließlich die Verantwortung für den Betrieb übernahm. Seit etwas mehr als zwei Jahren ist er offiziell in Rente, doch ganz loslassen kann er die Arbeit auf dem Hof nicht. Sein Cousin Manfred, ein paar Jahre jünger, führt die Landwirtschaft weiter. Willi unterstützt ihn noch, fährt hin und wieder den Mähdrescher. Jahrzehntelang haben die beiden den Hof gemeinsam am Laufen gehalten. Willi erzählt, dass er rund 60 Tiere hatte – Kühe, Kälber und Bullen – und etwa 20 Hektar Ackerland sowie 25 Hektar Grünland bewirtschaftete. Damit gehört sein Hof zu den Kleinbauern. Der durchschnittliche landwirtschaftliche Betrieb in Deutschland bewirtschaftet etwa 65 Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche.

So wie hier, auf dem Amoshof, funktioniert Landwirtschaft in Deutschland vielerorts noch heute: klein, familiär, tief verwurzelt. Knapp 255.000 landwirtschaftliche Betriebe gibt es aktuell im Land – fast 85 Prozent davon sind Familienunternehmen. Die Höfe sind oft keine Firmen im klassischen Sinn, sondern Orte, an denen Arbeit und Alltag ineinanderfließen. In Westdeutschland ist dieses Bild nach wie vor typisch. Anders sieht es in den neuen Bundesländern aus. In Ostdeutschland sind viele Betriebe groß, organisiert als GmbHs – ein Erbe der DDR. Dort bewirtschafteten Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften riesige Flächen. Der Amoshof dagegen ist überschaubar.

Wie lange der Hof schon in Familienbesitz ist, weiß Willi nicht genau – das Wohnhaus, in dem er heute noch lebt, wurde irgendwann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebaut. Mindestens so lange muss der Hof schon zur Familie gehören. Früher, erzählt Willi, habe es hier zwei Höfe gegeben. Irgendwann seien sie zusammengelegt worden – warum, weiß er nicht. „Des hat mir kenner so genau verzehlt“, sagt er und zuckt mit den Schultern. Später bewirtschaftete Willis Großvater den vereinten Hof, danach übernahmen sein Vater und dessen Bruder – Manfreds Vater. Also wurde das Land wieder aufgeteilt.

Willi erinnert sich noch gut an seine Kindheit, als auf dem Amoshof noch keine modernen Maschinen im Einsatz waren. „Frieher, do war’s der Ackergaul, der geschafft hot“, sagt er. Wenn geerntet wurde, kamen viele zum Helfen – Verwandte, Nachbarn, Freunde. „Do war was los uff’m Hof“, erinnert er sich und schmunzelt. Damals arbeitete man mit einem sogenannten Binder – einer von Pferden gezogenen Maschine, die das Getreide schnitt und zu Garben zusammenband. Die Garben wurden von Hand aufgerichtet, in Dreier- oder Vierergruppen, zum Trocknen in der Sonne. Überall waren Leute: Männer mit Schwielen an den Händen, Frauen mit Kopftüchern, Kinder, die zwischen den Reihen herumwuselten. Später wurden die Garben zum Hof gefahren, wo das Korn mit der Dreschmaschine aus den Ähren geschlagen wurde – vieles davon noch per Hand und mit einfachen Werkzeugen.

Heute übernimmt all das ein Mähdrescher – effizienter und präziser. Nicht nur die Maschinen haben sich verändert. Auch drumherum ist vieles anders geworden. Die Globalisierung hat die Erzeugerpreise in der Landwirtschaft erheblich beeinflusst. Ein Beispiel dafür ist die Milchproduktion. Die Milchquote ist Willi noch gut im Gedächtnis. „Frieher hot’s geheiße: So viel und net mehr“, sagt er. Jeder Hof hatte sein Kontingent, alles war geregelt. Und dann, von einem Jahr aufs andere, war der Markt plötzlich frei. Wer groß war, konnte mehr melken. Wer klein war, wie Willi, hatte kaum eine Chance. Der Preis fiel, der Druck stieg. „Da konntsch nimmer mithalle“, meint er, während sein Blick zum Boden wandert.

Die Milchquote wurde 1984 eingeführt, um die Milchproduktion in der EU zu begrenzen und überschüsse zu vermeiden. Jeder Erzeuger bekam ein Kontingent, das nicht überschritten werden durfte. Am 1. April 2015 lief die Milchquote aus und die Begrenzung entfiel, was einerseits Chancen für größere Betriebe eröffnete, andererseits aber auch zu Überangebot und Preisverfall führte, was kleinere Höfe stark belastete. Für Willi war danach Schluss mit der Milchproduktion – auch im Hinblick auf seine bevorstehende Rente. Manfred hat zwar noch ein paar Kühe im Stall, doch wirtschaftlich lohnt es sich kaum. Zu kämpfen hatte Willi nicht nur mit sinkenden Erzeugerpreisen, sondern auch mit ständig wechselnden EU-Vorgaben. Wie das Schlachten früher ablief, hat er noch genau vor Augen: Das Schwein kam zum Metzger im Dorf, der es direkt vor Ort schlachtete. Keine großen Wege, wenig Aufwand. Doch mit der Zeit wurden die Vorschriften strenger, man brauchte plötzlich spezielle Genehmigungen, und der nächste zugelassene Schlachter war oft 50 Kilometer entfernt. „Das hat sich so verkompliziert, dass es sich für kleine Höfe kaum noch lohnt“, sagt Willi. Er kennt viele, die mit der Viehhaltung aufgehört haben – besonders wenn die Landwirtschaft nur noch als Nebenerwerb läuft. Vergrößert haben sich dagegen nur wenige, nicht wenige hingegen haben sogar ganz aufgehört.

In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland um rund 11 Prozent zurückgegangen – vor allem kleine Familienhöfe verschwinden. Gleichzeitig wachsen größere Betriebe wie GmbHs und Gemeinschaftsbetriebe. Um sich zu behaupten, arbeiten viele Landwirte im Nebenerwerb: 55 Prozent der Einzelunternehmen betreiben die Landwirtschaft heute nebenbei und kombinieren sie oft mit anderen Einkommensquellen. Neben wirtschaftlichen Schwierigkeiten und bürokratischen Hürden ist die Hofnachfolge ein weiterer Grund: Nur etwa 37 Prozent der Familienhöfe haben einen Nachfolger, in Rheinland-Pfalz und dem Saarland sind es sogar nur rund ein Viertel.

Ob er sich von der Politik übersehen fühlt? Willi antwortet mit einem Augenzwinkern: „Ich hab mal zu jemandem gesagt: Die da oben wollen wohl, dass ganz Deutschland nur noch von zwei Familien ernährt wird.“ So locker bringt er seine Kritik auf den Punkt.

Wir drehen zusammen noch eine Runde über den Hof. Willi zeigt mir den Hühnerstall – ein kleines, verwittertes Steinhäuschen, nicht weit vom Wohnhaus entfernt. Vierzehn Hühner und ein Hahn leben darin. Sie scharren in einem Auslauf, umgeben von einem zwei Meter hohen Drahtzaun, als Schutz vor dem Fuchs, der sich vor ein paar Wochen durch eine Lücke gezwängt und sechs Hühner gerissen hat. „Der Fuchs war mo widder do zum Inkaafe“, sagt Willi und lacht. Er nimmt’s gelassen, so wie fast alles im Leben.

An der Scheune hängt ein kleiner, weißer Kerwestrauß – angebracht von der Straußjugend des Nachbardorfs, einer Gruppe junger Leute, die zur Kerwe durchs Dorf zieht. Früher war es Tradition, dass sie am Amoshof frühstückten und einen Strauß anbrachten. Willi erzählt, dass er das früher mit seinen Freunden auch so gemacht hat. Irgendwann ist die Tradition eingeschlafen – bis ein paar junge Leute sie vor ein paar Jahren wiederbelebt haben. Willi wirkt stolz, wenn er davon erzählt. Nicht sentimental, eher zufrieden. Vielleicht, weil es zeigt, dass manches wiederkommt – wenn auch in neuer Form.

Was nicht zurückkehrt, ist die nächste Generation. Willi und Manfred haben keine Kinder. Die Zukunft des Hofs ist ungewiss. Wie so vielen kleinen Betrieben fehlt auch ihm ein Nachfolger. „Is halt so“, sagt Willi. Ohne Wehmut. Mehr als ein halbes Leben steckt in diesen Mauern – und vielleicht endet mit ihm auch ihre Geschichte. Doch heute kräht der Hahn. Und die Sonne wärmt den alten Stein. Noch ist er da – der Amoshof.

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