Mannheim

Wo Sprache Heimat schafft – Müttersprache e.V.

Während bundesweit seit Jahren hitzig über das Thema Immigration und Integration debattiert wird, arbeitet ein ehrenamtliches Team in Mannheim seit Jahren an ganz konkreten Lösungen. Beim Verein Müttersprache e.V. erhalten immigrierte Frauen und Mütter die Möglichkeit auf kostenlosen Deutschunterricht – inklusive Kinderbetreuung. Hinter dem Projekt stehen Ehrenamtliche, die davon überzeugt sind, dass eine Gesellschaft nur dann Integration erfahren kann, wenn auch die Immigrantinnen aktiv am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Und Integration beginnt bekanntlich mit Sprache. 

Deutschlernen mit Rückenwind

Die 2017 zunächst als Teil des Vereins „Nice to Meet you“ an der Universität Mannheim ins Leben gerufene Initiative Müttersprache entwuchs der grundlegenden Beobachtung, dass das Geschlechterverhältnis in Integrations- wie Sprachkursen in der Regel nicht ausgeglichen ist. „In traditionellen Rollenbildern ist es sehr oft der Fall, dass die Frau die Erziehungs- und Haushaltsarbeiten übernimmt und der Mann erstmal Jobchancen wahrnimmt“, erklärt Laura Schulz, stellvertretende Vorsitzende des Vereins und Studentin an der Universität Mannheim. Daraus entstand ein Konzept, das bis heute genau dort ansetzt, wo viele Frauen auf Hindernisse stoßen: Während die Schülerinnen aus aller Welt in verschiedenen Kursen und Kursstufen in Kleingruppen grundlegende Deutschkenntnis erlernen, werden ihre Kinder parallel betreut. „Dass sich eben die Mama ganz bewusst auf das Lernen konzentrieren kann, während auch die Kinder im Spracherwerb unterstützt werden“, so beschreibt Schulz die Idee hinter dem Angebot. Zwar existieren auch staatlich geförderte Integrations- und Sprachkurse mit begleitender Kinderbetreuung, doch die verfügbaren Plätze reichen vielerorts nicht aus, um den tatsächlichen Bedarf zu decken – mit der Folge, dass insbesondere Frauen und junge Mütter häufig keinen Zugang zu passenden Sprachkursen erhalten. Die ehrenamtlichen Deutschlehrerinnen – Stundentinnen, pensionierte Lehreinnen und Seniorinnen – schaffen dabei weit mehr als nur einen Lernort. Sie bieten den Frauen einen geschützten Raum um nicht nur über Sprache, sondern auch durch Erlebtes über kulturelle Schwellen hinweg zusammenzufinden. Die Kurse werden dabei regelmäßig auf verschiedenen Niveaustufen angeboten und orientieren sich an den individuellen Bedürfnissen der Teilnehmerinnen.

Gemeinsam etwas bewegen

Laura Schulz engagiert sich mittlerweile seit sechs Jahren bei Muettersprache e.V. Was als Tätigkeit als Deutschlehrerin begann, führte sie 2022 zunächst in die stellvertretende Leitung und später an die Spitze des Vereins. Besonders schätzt sie die Vielseitigkeit des Ehrenamtes: Wer sich engagieren möchte, kann Deutsch unterrichten, im Sprachmentoring unterstützen, bei der Organisation helfen, die Kinderbetreuung übernehmen oder den Verein beispielsweise auf dem Initiativenmarkt der Universität vorstellen. Der Einstieg sei bewusst niedrigschwellig, betont Schulz. „Es ist einfach wirklich ein Learning-by-doing-Job“, sagt sie. „Man probiert sich aus, erlebt das Ganze mit, bringt Eigeninitiative mit und hat Lust, gemeinsam etwas zu bewegen.“ Während für die Sprachkurse ausschließlich weibliche Ehrenamtliche gesucht werden, steht die Kinderbetreuung allen Interessierten offen. 

Eine besonders intensive Form des Austauschs bietet das Sprachmentoring. Dabei treffen sich Ehrenamtliche und Teilnehmerinnen meist einmal pro Woche für anderthalb bis zwei Stunden. Gemeinsam werden Alltagssituationen besprochen, Hausaufgaben bearbeitet und anhand eines strukturierten Lernplans individuelle Fortschritte erzielt.

Jeder Erfolg erzählt eine Geschichte

Der Erfolg des Vereins blieb nicht unbemerkt. Im vergangenen November gewann Müttersprache e.V. den ersten Platz beim Spendenwettbewerb „Mensch miteinander!“ der Mannheimer Bürgerstiftung. Doch die größte Auszeichnung sind für die Ehrenamtlichen die persönlichen Erfolgsgeschichten der Frauen. 

Besonders in Erinnerung geblieben ist Laura Schulz eine Teilnehmerin, die sie über mehrere Jahre begleiten durfte. Gemeinsam mit ihren beiden Kindern besuchte sie regelmäßig die Kurse, legte schließlich ihre Sprachprüfungen ab – deren Kosten vom Verein übernommen wurden – mit dem Ziel, bald eine Ausbildung als Arzthelferin anzufangen. „Und das war wirklich toll. Das ist so krass [für eine Teilnehmerin], wie viel man dann doch gelernt hat in der Zeit und wie weit man da gekommen ist. Und so wurde mir schon wieder klar, dass es wirklich wichtig ist, was wir hier gemacht haben“, schildert Schulz emotional ihre Eindrücke. Für viele Frauen bedeutet der Spracherwerb weit mehr als das Bestehen einer Prüfung: Er eröffnet neue Möglichkeiten, mehr Selbstständigkeit und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Eine Teilnehmerin bringt dieses Gefühl auf den Punkt: „Es ist einfach gut, dass ich das jetzt kann.“ 

Auch in Zukunft möchte Müttersprache e.V. weiterwachsen. Neue Kurse sollen entstehen und noch mehr Frauen in Mannheim und Umgebung erreichen. Für Laura Schulz ist genau das der Kern des Projekts. Das Ehrenamt ermögliche es, die eigene Lebensrealität zu verlassen, Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen kennenzulernen und ein besseres Verständnis für die Herausforderungen eines Neuanfangs zu entwickeln – besonders für Frauen und Mütter. Frauen auf diesem Weg zu begleiten und ihnen zu zeigen, was alles in ihnen steckt, sei die größte Motivation. Müttersprache e.V. zeigt, dass ein neues Zuhause nicht erst mit einer Adresse beginnt, sondern oft mit den ersten eigenen Worten in einer neuen Sprache.

Weitere Informationen:

Instagram: @muettersprache

Website: www.muettersprache.de 

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