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Festkleben statt Kippen – Klimakleber auf dem Vormarsch

Es ist der 03. März 2023 als der Verkehr am Friedrichsplatz in Mannheim stillsteht, eine der wichtigsten Verkehrsanbindungen in Mannheim. Der Grund sind einige Personen, welche auf der Straße sitzen und Autofahrer:innen vor dem Weiterfahren hindern. Bei genauerer Betrachtung erkennt man jedoch: Sie sitzen nicht einfach nur, sie kleben!

Die sogenannten „Klimakleber“ sind den meisten Menschen heutzutage wohl ein Begriff. Das sind Klima-Aktivist:innen des Bündnisses „Die letzte Generation vor den Kipppunkten“, welche sich unter anderem mit den Händen auf den Straßen festkleben oder diese einbetonieren, um so auf die Klimakrise aufmerksam zu machen.


Die Protestaktionen der letzten Generation werden kontrovers diskutiert. Von Zustimmung, Akzeptanz und Anerkennung reichen die Meinungen aber auch über Unverständnis bis zu Wut. Nicht wenige vertreten inzwischen die Ansicht, dass die Mitglieder der letzten Generation mit ihren Aktionen gar nichts bewirken, sondern die breite Masse der Gesellschaft eher vom Kernpunkt ihrer Protestaktionen -dem Klimaschutz- abschrecken.

Dennoch lassen sich die Klima-Aktivist:innen nicht beirren und führen ihre Proteste weiter, denn sie haben klare Forderungen an unsere Bundesregierung. So fordern sie unter anderem ein Tempolimit von zu 100 km/h auf Autobahnen, ein ganzjähriges 9-Euro-Ticket und einen sogenannten Gesellschaftsrat.

Der Gesellschaftsrat basiert auf dem Konzept des Bürger:innenrates, welcher so zum Beispiel einmalig im Jahre 2021 stattgefunden hat.  Die letzte Generation möchte daran interessierte Bürger:innen aus jeder Gesellschaftsschicht, jeden Geschlechts und jeder Altersgruppe auslosen, um so ein möglichst breites Bild von Deutschland abzubilden. Auch Expert:innen, welche ebenfalls ausgelost werden, sollen ein möglichst umfassendes Meinungsspektrum aufzeigen. So sollen dann verschiedene Meinungen und Ansichten diskutiert werden, um am Ende eine gemeinsame Lösung zu finden. Das große Thema der Räte: „Wie beendet Deutschland bis 2030 die Nutzung fossiler Rohstoffe?“.

Der Bürger:innenrat zum Thema „Klima“, der zuletzt im Jahre 2021 stattfand, war kaum bekannt. Dessen Ergebnisse fanden allerdings laut repräsentativer Umfragen der Universität Erfurt eine absolute Mehrheit. So gehen die Aktivist:innen davon aus, dass sie mit Hilfe des Gesellschaftsrats ein Forum für einen Meinungsaustausch bilden, welcher zur Umsetzung ihrer Klimaziele beiträgt.

Ein weiteres wichtiges Ziel der letzten Generation: möglichst viel Aufmerksamkeit. Und damit waren sie bereits sehr erfolgreich. So feiern sie zum Beispiel, dass „Klimakleber“ auf Platz fünf der Wörter des Jahres gelandet ist und „Klimaterroristen“ als Unwort des Jahres gilt. Hierbei arbeiten sie ganz nach dem Motto „Jede PR ist gute PR“. Erreichen möchten sie damit, dass durch die wachsende Aufmerksamkeit in der Gesellschaft die Regierung gezwungen ist, zu reagieren und zu handeln.

Dabei setzen sie vor allem auf Menschlichkeit. Für ihre Proteste und Kommunikation haben sie daher feste Werte und einen Konsens formuliert. Fest vertreten sind darin die Gewaltfreiheit, so sprechen sie zum Beispiel immer wieder von „friedlichem zivilen Widerstand“, wie auch Sicherheitsvorkehrungen bei den Straßenprotesten, bei denen sie sich auf dem Boden festkleben.

Trotz ihrer Werte, Ziele und Ideale hat die letzte Generation jedoch in der Vergangenheit immer wieder mit ihrer kontroversen Umsetzung Schlagzeilen gemacht. Die Massenmedien sind voll von der Berichterstattung über die letzte Generation und eine Schlagzeile folgt der nächsten.

Was in all den Artikeln jedoch wenig erwähnt wird, sind die Ziele und Werte der letzten Generation. Und vor allem, dass hinter ihr junge Menschen stecken, die Angst haben. Viele von ihnen sogar so sehr, dass sie ihr Studium oder ihre Jobs hinschmeißen, um sich in Vollzeit dem Aktivismus widmen zu können. Der Grund: sie befürchten bald schon nichts mehr zu verlieren zu haben.

„Wir werden alles verlieren, wenn wir die Zerstörung weiter zulassen.“

(Quelle: Twitter, @Letzte Generation)

Und der Wissenschaft zu folge liegen sie damit nicht ganz falsch.

Bis 2017 ist die Durchschnittstemperatur weltweit bereits um ein Grad Celsius gestiegen, in Deutschland sogar auf 1,6 Grad. Die Erderwärmung trägt hierbei einen großen Teil zum Klimawandel bei. Laut dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz steigen extreme Wetterereignisse, wie zum Beispiel Hitzeperioden, Überschwemmungen, Stürme und Dürren. Die Folge: Die Zerstörung von Lebensgrundlagen und viele Tote. Menschengemachte Treibhausgase stellen dabei die Hauptursache dar.

Die Auswirkungen sind jedoch nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt zu spüren und nehmen stetig zu. In Grönland und in der Antarktis schmilzt das Eis, wodurch der Meeresspiegel bereits um 16cm gestiegen ist und jährlich weiterhin um 3,6mm steigen wird. Was vielleicht erstmal nach nicht viel klingt, hat für Inselstaaten und Küsten extreme Auswirkungen. Menschen werden gezwungen sein, aus ihrer Heimat zu fliehen, weil diese für sie nicht mehr bewohnbar ist.

Die Kipp-Punkte, vor denen die letzte Generation auch in ihrem Namen warnt, sind Punkte, ab denen der Klimawandel unumkehrbar ist. Die Kipp-Punkte dienen also als Grenzwert, ab dem bereits kleine Störungen zu großen Veränderungen führen können. Ab da an verstärkt er sich stetig von selbst. Das Problem ist jedoch, dass man nicht genau weiß, wo sich dieser Grenzwert befindet. Es besteht also ein unsicherer, nicht einsehbarer Bereich. Durch ihn steigt das Risiko, die Kipp-Punkte zu überschreiten.

Besonders in Gefahr sind unter anderem der Amazonas Regenwald und die Eisschilde auf Grönland. Sie zählen als zwei der sechs sogenannten Kipp-Elemente – also Elemente, welche durch den Klimawandel bald zu kippen drohen und ab da an unumkehrbar zerstört werden.

Fakt ist also: Wir spielen russisches Roulette mit dem Klima und der „Letzten Generation vor den Kipppunkten“ ist das längst bewusst. Es geht ihr jedoch nicht einfach nur um Schlagzeilen und Provokation, sondern darum, die Klimakrise aufzuhalten, damit wir alle, wie auch spätere Generationen in einigen Jahren noch eine bewohnbare Erde vorfinden.

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